X-Men: Erste Entscheidung / Junge Helden im Retro-Rausch

Mit Witz und wunderbar altmodisch erzählt Regisseur Matthew Vaughn in „Erste Entscheidung“ vom Anfang der X-Men. Sehen Sie hier den Kinotrailer und die Filmkritik.

Dieser Sprung in die Vergangenheit ist eine Frischzellenkur: Nachdem vor allem der dritte Teil der „X-Men“-Trilogie künstlerisch schwach war, schnappt sich Regisseur Matthew Vaughn nun die Vorgeschichte der Superhelden und erzählt charmant altmodisch und gerade deshalb sehr zeitgemäß von den Anfängen der Mutanten-Truppe und davon, wie Telepath Charles Xavier alias Professor X und „Magneto“ Erik Lehnsherr erst Freunde, dann Feinde wurden. Vaughn hat als Produzent von „Bube, Dame, König, Gras“ bereits erfrischende Respektlosigkeit bewiesen und als Regisseur von „Kick-Ass“ gezeigt, dass er Action inszenieren kann. Bei „X-Men: Erste Entscheidung“ besinnt er sich zudem auf die Tugenden des Kinos, vertraut – zurecht – seinen Schauspielern und dem Drehbuch.

Dieses ist so anspielungsreich wie eigenständig, um den Freunden der Comic-Saga zahlreiche Hinweise auf die zeitlich später spielenden „X-Men“-Filme zu liefern – und dennoch auch Zuschauer zu unterhalten, die jene nicht kennen. Der Film setzt kurz vor der Kubakrise 1962 ein, in der die Welt am Rand eines atomaren Krieges zwischen den USA und der UdSSR taumelte (die zeitliche Verortung hat Kostümbildner und Set-Designer zu herrlichen Retro-Fantasien beflügelt). Charles und Erik sind junge Männer mit Superkräften.

Auch Mutanten waren einmal jung. „X-Men: Erste Entscheidung“ erzählt, wie Charles Xavier (James McAvoy, 3. v. li.) und Erik Lehnsherr (Michael Fassbender, li.) zum ersten Mal eine Truppe aus Superhelden um sich scharten. Schauspiel-Hoffnung Jennifer Lawrence hat dabei die Rolle der Gestaltwandlerin Mystique (2. v. re.).

Doch während Charles die CIA im Kampf gegen die Sowjetunion unterstützt, nutzt Erik seine Fähigkeit, Metall zu beherrschen, um Sebastian Shaw zu jagen. Der arbeitete als Nazi-Arzt im KZ, entdeckte die Fähigkeiten des inhaftierten Juden Erik und erschoss dessen Mutter, um den Buben zur Kooperation zu zwingen. Jetzt steht der Sadist auf Seite der Sowjets, treibt diese in einen Krieg, an dessen Ende er nur einen Sieger wähnt: sich. Bei der Jagd nach Shaw trifft Erik auf Xavier, der ihn überzeugt, mit ihm eine Mutanten-Truppe aufzubauen, um den Atomkrieg zu verhindern. Sie haben Erfolg – und sind am Ende doch jene Erzfeinde, als die der Zuschauer sie in der Trilogie (2000-2006) kennenlernte. Es ist das Verdienst des Regisseurs, dass er den Schauspielern – für einen Superheldenfilm erstaunlich viel – Zeit gibt, ihre Figuren zu entwickeln. Vaughn interessiert sich für die Charaktere, ihre Gedanken, Gefühle, Motive.

Selbst in den Action-Szenen wurde nur sehr zurückhaltend mit dem Computer nachgeholfen: Spannung entsteht durch die Schauspieler. Diese fast altmodisch anmutende Erzählweise macht den großen Reiz dieses Films aus. Mit James McAvoy und Michael Fassbender hat Vaughn zudem Hauptdarsteller gefunden, die diese Freiheit zu nutzen verstehen: McAvoy gelingt es, Xavier trotz dessen Glaube an das Gute nie naiv wirken zu lassen. Bei Fassbenders Erik schwingt stets düster mit, wie sehr er die Menschen dafür hasst, ihn als „anders“ abzustempeln (einst als Juden, jetzt als Mutant).

Aus der Riege der Nebendarsteller sei Jennifer Lawrence erwähnt, die nach ihrem Kritikererfolg in „Winter’s Bone“ ihren Ruf als Überraschung des Kinojahres auch in einem Blockbuster verteidigt: Sehenswert, wie sie sich von der schüchternen Raven zur selbstbewusst-fraulichen Mystique wandelt. Wie bei den bisherigen Filmen der Reihe wird auch in diesem die Frage verhandelt, wie eine Gesellschaft mit ihren Außenseitern umgeht. Da dies intelligent, actionreich und (selbst-)ironisch geschieht, ist „Erste Entscheidung“ eine gute Entscheidung für zwei Stunden Unterhaltung mit Niveau.

Michael Schleicher

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