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Auf Recherche-Reise quer durch das Ursprungsland des Yoga: Der Münchner Filmemacher Jan Schmidt-Garre (hinter der Kamera) während der Dreharbeiten seines Dokumentarfilms in Indien.

Yoga-Dokumentation: Interview mit Filmemacher Jan Schmidt-Garre

München - In der Münchner Kulturszene ist der 49-jährige Filmemacher Jan Schmidt-Garre bestens bekannt. Jetzt kommt seine Yoga-Film "Der atmende Gott" auf die Leinwand. Ein Interview über eine etwas andere Dokumentation.

In der Münchner Kulturszene ist der 49-jährige Filmemacher Jan Schmidt-Garre bestens bekannt. Seine inhaltlich sehr unterschiedlichen Arbeiten, beispielsweise über den Dirigenten Celibidache, den Fotokünstler Andreas Gursky oder die Sänger der Schellackplatten-Zeit, sind alle getragen von einem tiefen, spürbar echten Interesse. Das hebt auch seine aktuelle Produktion „Der atmende Gott“ deutlich von klassischen Dokumentarfilmen ab.

Sie wollten eigentlich nur Ihre Frau zur Yoga-Stunde begleiten – heraus kam ein Film über die Anfänge des modernen Yoga. Was genau hat Sie an dieser Yoga-Stunde so fasziniert?

Ich habe damals eine Verschmelzung von Körper und Geist erlebt, die mir völlig neu war. Normalerweise fallen Körper und Geist beim Sport auseinander. Beim Yoga geschieht aber eine Art Vergeistigung des Körpers und eine Verflüssigung des Geistes. Das wollte ich immer wieder erleben und bin dabeigeblieben.

War Ihnen sofort klar, dass Sie daraus einen Film machen würden?

Nein, ich habe erst mal angefangen, Bücher über Yoga zu lesen und zu recherchieren, wo diese Praxis herkommt. Dabei stieß ich immer wieder auf den Namen Krishnamacharya. Paradoxerweise ist Yoga ja einerseits tausende von Jahren alt, andererseits wurde es aber von einem einzigen Mann in die Form gebracht, die heute so enorm populär ist, eben von Krishnamacharya. Als ich dann erfuhr, dass dessen große Schüler noch aktiv sind und dass all seine sechs Kinder noch leben, beschloss ich, den Film zu drehen.

War es leicht, Fördermittel für das Projekt zu bekommen? Immerhin ist Yoga momentan ja sehr populär...

Ohne die bayerische Filmförderung, die sofort zugesagt hat, hätte ich den Film niemals drehen können. Aber dass Yoga so „in“ ist, macht zumindest beim Fernsehen auch viele Leute misstrauisch. Die befürchten dann einen esoterischen Räucherstäbchen-Film – den ich ja nun ganz bewusst nicht gedreht habe.

Ist Yoga eher Sport oder Religion?

Eigentlich beides nicht. Aber es spielt sich auch nicht nur in dem kleinen Bereich zwischen Fitness und Wellness ab. Yoga reicht von zirkushafter Akrobatik bis zu komplizierter Psychologie und Philosophie mit raffinierten und wirksamen Atem- und Konzentrationsübungen. Diese ganze Bandbreite versuche ich im Film zu zeigen.

Was ist Yoga für Sie persönlich geworden?

Eine wunderbare Erweiterung meiner Möglichkeiten.

Wie machen Sie Yoga?

Ich habe während der Drehzeit von Krishnamacharyas Sohn Sribhashyam die geheimnisvolle „Life saving session“ gelernt, die sein Vater bis ins hohe Alter praktizierte. Die enthält unter anderem den Schulterstand, den Kopfstand und mehrere Atemübungen, und die mache ich fast jeden Tag. Gerade wenn ich nervös und ungeduldig bin und eigentlich keine Lust auf Yoga habe, tut es mir enorm gut. Danach bin ich dann ausgeglichen, fokussiert und voller Energie. Und froh, dass ich mich überwunden habe!

„Der atmende Gott“ vermittelt nicht nur einen tiefen Einblick in die Historie des Yoga, sondern auch ein ganz anderes Indien-Bild, als man es bislang aus populären Bollywood-Filmen oder von den Beatles-Platten kannte.

Die Indien-Rezeption der Hippies hat mich nicht so interessiert. Ich wollte lieber das verwunschene Indien der Zwanziger-, Dreißigerjahre zeigen, als am Hof des Maharadschas von Mysore der moderne Yoga entstand. Und dann das, was in der Gegenwart davon noch zu entdecken ist, in der Welt der Brahmanen, der Priester- und Gelehrtenkaste. Diese Kultur ist immer noch sehr intakt und lebendig, und ich wollte sie in ihrer ganzen Schönheit und ohne Kitsch vermitteln. Dazu gehört der Sonnenuntergang, und dazu gehören die hupenden Motorräder.

Das Gespräch führte Ulrike Frick

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