New Yorker Traumstück

- Ein Gang durch die Straßen Manhattans. Der Besuch in der alten Schule, das Treffen mit einem Freund, mit Montys Lebensgefährtin Naturelle, mit dem Vater in dessen Kneipe: Das könnte die Beschreibung eines unbeschwerten Tages sein, doch jedes Treffen ist ein Abschied. Es wird Nacht über New York - und Nacht über dem Leben von Monty Brogan.

<P>Monty, von Edward Norton sehr zurückgenommen gespielt, ist Drogendealer, deshalb hat man ihn zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er verpfiffen wurde. Am nächsten Morgen muss er seine Haftstrafe antreten, und wenn er wieder herauskommt, wird nichts, auch er selbst, mehr so sein wie zuvor. Spike Lees Film "25 Stunden" nach David Benioffs Roman erzählt von Montys letzten 24 Stunden in Freiheit. Er lässt die wichtigsten Momente seines Lebens Revue passieren. Ein Film, der vom Sterben handelt, damit von der Liebe zum Leben, das einer bald verlassen muss. Der Tod ist hier zwar "nur" ein sozialer, doch Monty ahnt, was ihm, dem wohlerzogenen Mann, im Knast der harten Jungs blühen könnte. Und daher denkt er an Selbstmord.</P><P>"25 Stunden" ist noch mehr ein Film über Vertrauen und Verrat; über Montys Zweifel an seiner Freundin, denn er hält es für möglich, dass sie der Polizei den entscheidenden Tipp gab, und über seine beiden ungleichen Freunde. Der eine, Frank (Barry Pepper), stammt wie Monty aus kleinbürgerlich irischem Milieu und ist als Börsenmakler reich, aber auch kalt geworden. Jacob (in wunderbarer, schon oft von ihm so gespielter Lebensuntüchtigkeit: Philip Seymour Hoffman) ist ein Highschool-Lehrer, der sich den Reizen einer Schülerin (grandios: Anna Paquin) kaum entziehen kann.</P><P>Mehr als alles andere ist dies ein Film über das New York nach dem 11. September. Das verhärtete Ich des Helden resultiert aus einer Schockreaktion. Doch indem Lee Verhärtung und Aufweichung zeigt, ohne dass die späte Einsicht zum Happy End führen könnte, ist er ehrlich und vermeidet Klischees. Ein Film, in dem der zum Moralisieren neigende Lee auf schnelle Wahrheiten verzichtet. Schon im Vorspann zeigt er die Lichtinstallation, die die Konturen des World Trade Center für einige Wochen noch einmal in den Himmel wachsen ließen. Man entdeckt Verweise auf gestorbene Feuerwehrleute, blickt von oben auf Ground Zero. Untermalt von eindringlicher Musik ist "25 Stunden" eine New-York-Nocturne, ein Traumstück, das Anspielungen auf Western und Film Noir zu einer Liebeserklärung an die Stadt verschmelzen lässt, dabei Wunden nicht verdeckt. </P><P>(In München: Maxx, Leopold, Atlantis, Cinema i.O., Museum i.O.)</P><P>"25 Stunden"<BR>mit Edward Norton, Rosario<BR>Dawson, Barry Pepper<BR>Regie: Spike Lee<BR>Sehenswert </P><P><BR><BR> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
München - Olivier Assayas „Personal Shopper“ lebt von dem Talent seiner Hauptdarstellerin und driftet nicht in eine Grusel-Persiflage ab.
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
München - David Frankels Drama „ Verborgene Schönheit“ setzt zu sehr auf Symbolik und ein allzu schöngefärbtes Happy End.
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“
München - „Manchester by the Sea“ trumpft vor allem im zwischenmenschlichen Bereich auf. Es geht um Verantwortung und Familie.
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“
Satire auf selbstgefällige Frömmler - Filmkritik zu „Der die Zeichen liest“
München - Kirill Serebrennikov verfilmte mit „Der die Zeichen liest“ Marius von Mayenburgs Theaterstück „Märtyrer“. Hauptthema: Jugendliche und die Bibel.
Satire auf selbstgefällige Frömmler - Filmkritik zu „Der die Zeichen liest“

Kommentare