New Yorks blutige Stammesfehden

- No son, the blood stays on the blade." Blut ist von Anfang an das Symbol von Martin Scorseses Film "Gangs of New York". Und es wird im Übermaß vergossen. Ein Mann rasiert sich. Menschen bekreuzigen sich. Prüfen ihre Waffen: Rituale der Reinigung und der Vorbereitung. Man erkennt diese Gestalten kaum, die sich da wappnen, so düster ist's.

<P>"Im Hintergrund Pfeifen wie das eines Rattenfängers und Trommeln, archaische Töne eines Eingeborenenstammes irgendwo im Herz der Dunkelheit der Zivilisation. Immer wieder sieht man das Kreuz, unter dessen Zeichen sie siegen wollen, und daneben tote Hasen, um auch den heidnischen Göttern ein Opfer zu bringen.<BR><BR>Diese Kreuzritter der anderen Art nennen sich "Dead Rabbits", und in den letzten Sekunden vor dem Kampf zieht sich die Kamera, die ihnen zuvor ganz dicht auf den schmutzigen Leib rückte, zurück, macht das riesige Innere der "Old Brewery" sichtbar, in der diese Gang haust: ihre fünf Etagen, ihre unübersichtlichen Höhlen, aus denen manche nie wieder herauskommen, und andere nur, wenn sie töten müssen. <BR><BR>Dann geht das Tor auf, gleißend hell strahlt die Sonne, der Kampf beginnt. In Sekunden färbt sich der weiße Schnee rot. Wieder sieht man die Gesichter der Kämpfenden nahe, sieht man ihre Leiber, auch wie sie aufeinander eindreschen mit Messern, Äxten, Knüppeln, Speeren, diversen selbst gefertigten Mordwerkzeugen - keine Schlacht, sondern ein Gemetzel. So hat noch kein Film von Scorsese angefangen. <BR><BR>Horrorbilder, zugleich Szenen mythischer Kraft: Man kann die Geschichte der mühsamen Zivilisierung des Menschen mitdenken, die Blutvergießen eindämmt, und die Gewalt, die diese Dämme immer wieder durchbricht. Das ist das roh-primitive Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts aus den Romanen Cormac McCarthys; eine Welt noch jenseits der Härten von Melville, erst recht von Edith Warton, deren Roman "Zeit der Unschuld" Scorsese vor zehn Jahren verfilmte. In "Gangs of New York" ist nun alles anders. Diesmal zeigt er die Unterschicht, geht von einem Sachbuch aus: Herbert Asburys 1928 veröffentlichte Kriminalgeschichte der Stadt, ein Klassiker.<BR><BR>Der Film spielt 1863, während des Bürgerkriegs, in der Lower East Side, damals der schlimmsten Gegend der rasant wachsenden Stadt. Scorsese greift diverse Motive von Asburys Werk auf, verdichtet sie mit der disziplinierten Freiheit eines Künstlers, präzis, intelligent, stellenweise mit Witz und großer Genauigkeit: Elend, Verbrechen, Korruption und Stimmenkauf der Politiker, der Bürgerkrieg in der Ferne, Sklavenhandel - die Begeisterung für die von Lincoln verkündete Sklavenbefreiung war gering. <BR><BR>Vor diesem Hintergrund geht es um zwei Männer, die schicksalhaft verbunden scheinen: Bill the Butcher, ein Einwandererhasser, und Amsterdam, ein Einwanderer. Amsterdam, beeindruckend reif gespielt von Leonardo DiCaprio, erlebte am Anfang, wie Bill den Vater tötet. Er hat Rache geschworen, doch je weiter er sich Bill in mörderischer Absicht nähert, umso mehr erkennt er in ihm auch einen seelenverwandten Ersatzvater. Zwischen ihnen steht noch Jenny (intensiv: Cameron Diaz). Die größte Leistung bietet Daniel Day-Lewis, der als Bill sardonischen Charme entfaltet: ein Dämon, voller Güte, zwischen Mephisto und Captain Hook. Wie ein Shakespeare'sches Königsdrama mutet der von Hass wie Sympathie durchtränkte Kampf zwischen beiden an. </P><P><BR>Doch die wahre Hauptperson ist New York, stellvertretend für die ganze Welt: Dem viel beschworenen "Melting Pot" ging der Hexenkessel des alltäglichen Straßenkampfes voraus. Diesen Bezug hebt die Schlussszene nochmals hervor. Denn darin sieht man die Skyline der Stadt wachsen, und irgendwann erscheint über den Massengräbern der Gangs die Silhouette des World Trade Center. Auch sonst wimmelt es von aktuellen Bezügen. Stilistisch kehrt der Regisseur zu den 70er-Jahren zurück, zu Filmen wie "Taxi Driver" und "Raging Bull", und verzichtet auf die gefällige Eleganz von "Goodfellas" oder "Casino". <BR><BR>Dafür erscheinen jetzt die Bilder, wie von Rembrandt oder Hogarth gemalt oder aus einem Stummfilm herausgegriffen. Dabei fordert Scorsese zum Blick ins Innere der eigenen, aber auch der sozialen Existenz. Verherrlicht wird dabei die Gewalt nie. Scorsese will seine Zuschauer nur dazu zwingen, sich nichts vorzumachen _ die letzten Worte eines Vater an seinen Sohn: "Never look away!" </P>

Auch interessant

Kommentare