Zahlen statt Bomben

- Amerika-kritisch, am besten Bush-kritisch muss ein Dokumentarfilm aus den Staaten schon sein in diesem Jahr. Das scheint - wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen - als das beste Verkaufsargument zu gelten, zumindest in Europa. Auch Errol Morris' " The Fog of War" würde der Verleih wohl gerne in der Ecke der Bushgegner sehen und verknüpft den Film in den Presseunterlagen etwas schwammig mit den "letzten Aktivitäten der Bush-Regierung im Irak". Immerhin: Morris erzählt von einem halben Jahrhundert amerikanischer Kriegseinsätze, vom Ersten Weltkrieg bis Vietnam, und schließlich ist auch die sogenannte Operation im Irak nichts anderes als ein Krieg.

<P>Doch man muss "The Fog of War" gar nicht nach historischen Parallelen untersuchen, der Film ist auch spannend als Porträt eines Mannes, der sich auskennen müsste mit dem Nebel des Krieges. Morris hat Robert S. McNamara interviewt, Soldat im Zweiten Weltkrieg und US-Verteidigungsminister während des Vietnamkonflikts.<BR><BR>McNamara war ein Aufsteiger, Erfolgs- und Machtmensch. Harvard-Absolvent, mit 44 Jahren Präsident des Autokonzerns Ford, bis Kennedy ihn ins Kabinett rief. Als Verteidigungsminister hatte er auch den Einsatz von Agent Orange in Vietnam zu verantworten. Verantwortung und Schuld, darum geht es in dem Film und um die Frage der politischen Notwendigkeit des Krieges. Elf Lehrsätze von McNamara strukturieren "The Fog of War", die seine Sicht auf die Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts erläutern: "Um Gutes zu tun, kann es notwendig, sein, sich auf das Böse einzulassen." Eine perfide Schizophrenie steckt in den Erklärungen des früheren Politikers, und intelligent und ironisch deckt der Film diese auf. Wenn McNamara die Schuld an den großflächigen Bombardements japanischer Städte im Zweiten Weltkrieg von sich weist, obwohl sie aufgrund seiner eigenen statistischen Berechnungen empfohlen wurden, dann lässt der Regisseur in einer Tricksequenz Zahlen statt Bomben auf Tokio niederprasseln. <BR><BR>"The Fog of War" ist stark darin, die Verdrängungsmechanismen eines Mannes zu verdeutlichen, der von Verdrängung eigentlich gar nichts wissen will. Die Lehrsätze McNamaras allerdings, die der Film sehr ernst zu nehmen scheint, dürften der Bush-Regierung gefallen. </P><P>( In München: Leopold, Atelier, Cinema i. O., Forum-Kinos). <BR><BR>"The Fog of War"<BR>mit Robert S. McNamara<BR>Regie: Errol Morris<BR>Sehenswert </P><P> </P>

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