Zarte Bande von Lyrik und Kinobild

- Das hauptsächliche Betätigungsfeld von Regisseur Ralf Schmerberg sind Werbespots und Videoclips. Was liegt näher, als diese in der Pop-Welt längst zum Standard gewordene Kunstform auch einmal anders zu verwenden? Schmerberg verfilmt Lyrik. In Zeiten des Hörbuchs scheint bewusstes Zuhören wieder in Mode zu kommen, und so lässt er in vielen seiner kleinen Szenen renommierte Schauspieler wie Hannelore Elsner, Lars Rudolph oder Anna Thalbach die Gedichte nur aus dem Off sprechen.

<P>In anderen Episoden wiederum sieht man den Künstlern beim Deklamieren zu. Und weil Schmerberg mit seinen Kameraleuten und seinen ganz verschiedenen visuellen Einfällen die Sequenzen so kunstvoll bearbeitet hat, ist hier Lyrik auf einmal gar nicht mehr zäh und bieder wie damals im Deutschunterricht, sondern ganz nah, lebendig und entstaubt. <BR><BR>Rezitiert werden Klassiker von Goethe, Hesse, Tucholsky, Rilke oder Erich Kästner. Es wird klar: Gedichte sind nicht schwerfällig oder langweilig, sondern bergen in sich eine universale Weisheit, Lebenserfahrung und Zärtlichkeit. Letztlich im Gedächtnis bleiben trotzdem vor allem die Bilder der gelungensten Szenen: etwa David Bennent, der im Morgengrauen in einer Ritterrüstung die Leipziger Straße in Berlin entlang zieht und dabei Trakls "Morgenlied" spricht. </P><P>Oder Anna Böttcher, die als Mutter einer vielköpfigen Familie auf engstem Raum mit ihren lärmenden Kindern, mit Mann (Jürgen Vogel) und Oma vor dem Fernseher sitzt. Der Gameboy dudelt, die Kleinen plärren, der Gatte mault - bis sie sich einen riesigen Luftballon über den Kopf stülpt und Ingeborg Bachmanns "Nach grauen Tagen" rezitiert: "Eine einzige Stunde frei sein!" Gute Lyrik kann ein Schatz sein. "Poem" schärft Auge und Ohr dafür, ihn auch zu finden. </P><P>- läuft in folgenden Kinos<BR></P><P><BR>"Poem"<BR>mit Meret Becker, Jürgen Vogel, Klaus Maria Brandauer<BR>Regie: Ralf Schmerberg<BR>Sehenswert </P><P> </P>

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