Zehn kleine Negerlein

- Nie hat Wolfgang Petersen weniger Umstände gemacht als in diesem Film. Zeit und Raum des Geschehens sind egal, klar ist nur, dass sich ein monströser Luxusliner irgendwo im Atlantik auf hoher See befindet. In der ersten Einstellung wird das Riesenschiff gezeigt: Einmal schwurbelt die Kamera in einer langen 360-Grad-Fahrt um die Poseidon herum, und schon ist man mittendrin in dem Boot, aus dem die Zuschauer erst 95 Minuten später wieder herausfinden.

Flugs lernt man zehn der Passagiere etwas besser kennen. Es ist Silvesterabend, und fast alle 3000 Gäste werden das neue Jahr nicht mehr erleben. Denn kurz nach Mitternacht kommt völlig aus dem Nichts - kein Sturm, keine Wetterwarnung kündigen sie an - eine Riesenwelle und trifft die "Poseidon". Ein paar kurze Minuten weiden sich die Bilder an Chaos und Tod, dann treibt das Schiff kieloben auf der wieder ruhigen See.

Da ist der Film keine Viertelstunde alt und hat doch mit der Katastrophe seinen eigentlichen Höhepunkt hinter sich. Während die Schönheit des Schreckens gut funktioniert, fragt man sich im Folgenden, was den Regisseur von "Das Boot" und "In the Line of Fire" am Remake der 32 Jahre alten "Höllenfahrt der Poseidon" interessiert hat.

Die Weißen dürfen überleben

Schnell reduziert sich die Zahl der Überlebenden auf die zehn vom Anfang. Daher könnte man "Poseidon" fast ein bombastisches Kammerspiel nennen, freilich eines ohne viel Psychologie - eher auch substanziell eine Variation des Kinderliedes von den "Zehn kleinen Negerlein". Die zehn Personen versuchen, sich im umgedrehten Schiff zum jetzt oben liegenden Maschinenraum durchzuschlagen, ein Weg, der mit allerlei Todesgefahren gepflastert ist: Das Schiff versinkt, Wasser bricht ein, Gegenstände fallen herunter, Explosionen und Feuersbrünste drohen. Dazwischen gibt es kleine Verschnaufpausen, gefüllt mit Dialogen wie "Ich kann nicht mehr" - "Doch, Du schaffst es" und dem Streit darum, wer jetzt sein Leben zugunsten aller opfern darf.

Wer mit Hollywood-Dramaturgien vertraut ist, wird ahnen, wer von den zehn sterben muss: Als Erstes trifft es einen mexikanischen Kellner, als Zweites einen versoffenen Proletarier; spätestens damit ist die brav-konservative Marschroute vorgegeben: Wenn man Petersen auch positiv anrechnen mag, dass "Poseidon" wohltuend resistent gegenüber dem christlich-fundamentalistischen US-Zeitgeist bleibt, muss man doch konstatieren, dass seine Figuren die multikulturelle Realität des modernen Amerika nur höchst einseitig repräsentieren. Schwarz ist bei ihm nur der Kapitän, der aufgrund eigener Irrtümer schnell ertrinkt, Asien-Amerikaner kommen nicht vor, und die zwei Hispanic-Figuren sterben früh. Ein frisch verlobtes Paar überlebt ebenso wie eine neue Kleinfamilie, deren Daddy zuvor durch die Katastrophe zum Gruppenmensch mit Führungsqualitäten gereift ist, und ein älterer Herr - allesamt Weiße.

Was "Poseidon" völlig fehlt: Der Spielfilm taugt in keiner Weise zur sozialen Metapher. Besonders gute Unterhaltung ist der Streifen aber auch nicht, dazu ist die Handlung zu effektlastig, dazu sind einem die Charaktere zu egal, dazu ist alles, inklusive der finalen Rettung, zu vorhersehbar. Wenige Sekunden, nachdem die Gruppe es aus dem Boot geschafft hat, versinkt das Schiff - billige Dramatik. Aber endlich bekommt der Film zumindest so ein wenig Tiefgang. (In München: Mathäser, Maxx, Royal, Münchner Freiheit, Cinema i.O., Gabriel.)

"Poseidon"

mit Kurt Russell, Richard Dreyfuss

Regie: Wolfgang Petersen

Erträglich

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