Der Zeit Zeit lassen

- So einen Film hat man noch nicht gesehen. Es beginnt schon damit, ob man "Die große Stille" eine Dokumentation nennen soll. Genausogut ist sie eine philosophische Meditation. Ein Versuch. Dieser Film erklärt sich nicht. Wer aber hinschaut und hinhört, kann viel erleben. Meditation, Einkehr, Schweigen sind nicht gerade en vogue im Kino von heute.

Nun aber hat Philip Gröning einen Film gemacht, in dem die Ruhe und die Stille das zentrale Thema sind; einen Film, der Menschen dabei zusieht, wie sie versuchen, sich Gott anzunähern. Eine ihrer Methoden ist es, möglichst wenig zu reden.

Gröning erzählt vom Leben in der "Grande Chartreuse", dem Gründungskloster des fast tausend Jahre alten Ordens der Kartäuser-Schweigemönche in den französischen Alpen. Die Vorgeschichte ist schon abenteuerlich. Denn man kann bei den Kartäusern nicht für einen Besinnungsurlaub einziehen, kann ihre Klöster nicht besichtigen. Gröning gelang sein Vorhaben, weil er eine Tugend bewies, die unter Filmemachern heute eher ungewöhnlich ist, die einzige, die die Mönche überzeugte: Er hatte Geduld. Er ließ der Zeit Zeit.

Vor 21 Jahren wollte Gröning (46) bereits einen Film über das Kloster drehen. Man sagte ihm ab. Aber er hielt den Kontakt, und als die Mönche spürten, dass er sich wirklich für sie interessiert, sagten sie irgendwann unerwartet zu. Sechs Monate durfte Gröning bei ihnen wohnen - und ist damit vielleicht der einzige weltliche Besucher, dem ein solch tiefer Einblick in das Kartäuserleben vergönnt war.

Gröning zeigt Normalität, betont das Alltägliche. Für Strukturen interessiert er sich wenig. Ein Apfel ist wichtiger, und auch das kleine Chaos im strengen Leben. Es gibt keine Interviews, keinen Kommentar, keine untermalende Musik. Die Mönche reden tatsächlich nicht. Miteinander kommunizieren sie über Zettel. Und wenn sie in größter Not sprechen müssen, kann es passieren, dass sie kaum artikulieren können oder plötzlich Latein reden.

So einen Film wird man so schnell nicht wiedersehen. Gröning ist ein filmisches Ereignis gelungen, eine Suche nach Sinn in mönchischer Askese, bei der klar wird, dass auch das Filmemachen eine transzendente Komponente hat. Man tut Gröning wohl nicht Unrecht, wenn man ihm unterstellt, dass es hier auch um einen Gegenentwurf zur Hektik unseres modernen Alltags geht. "Die große Stille" ist ein Film über die Frage, was Religion und Religiosität heute bedeuten. Er ist auch ein Gegenentwurf zu den Ratzingers, Meisners, den Erleuchteten Bushs, zu Weltjugendtagen, zu dem allzu modernen Religionskitsch und Esoterikschmarrn.

"Die große Stille"

Regie: Philip Gröning

Hervorragend

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