Zuhause im Vernichtungslager

- Die Filmemacherin und Journalistin Myriam (Anouk Aimé´e) nimmt an einem Treffen von KZ-Überlebenden in Paris teil. Dort gewinnt sie im Rahmen einer Verlosung ein Flugticket nach Krakau. Nach längerem Zögern nimmt sie diese Herausforderung des Schicksals an und macht sich auf den Weg nach Auschwitz-Birkenau. Dorthin wurde die Französin in ihrer Kindheit deportiert, gemeinsam mit ihrer gesamten Familie. Myriam überlebte die Gräuel des KZ als Einzige. Der Besuch des inzwischen zur Gedenkstätte umgerüsteten und von Touristengruppen belagerten KZs ruft schmerzliche Erinnerungen wach, mit denen die 70-jährige Frau auf ihre sehr eigene Art umgeht.

<P>Ein ganz eigener Zweig des Tourismus hat sich in Krakau und rund um das nicht weit entfernt gelegene ehemalige KZ Auschwitz entwickelt. Es gibt jüdische Restaurants, koscheres Essen, und die jungen Israelis gehen vormittags mit Inbrunst und Nationalflagge in der Gedenkstätte umher, bevor sie abends in der Disco ekstatisch tanzen. Myriam will die Vergangenheit anders bewältigen als durch eine kurze Stippvisite in der Hölle ihrer Jugendjahre. Sie bleibt kurzerhand über Nacht in "ihrer" Baracke. Und als ein deutscher Fotograf (August Diehl) sie am nächsten Morgen dabei beobachtet, wie sie ihre Notdurft hinter dem Haus verrichtet und entsprechend rügt, schreit sie ihn an: "Ich darf hier alles. Ich bin hier zuhause!"<BR><BR>Mit dem Fotografen Oskar, der im Lager die NS-Vergangenheit seines Großvaters aufarbeiten will, begibt sich Myriam auf eine Reise zurück, und während die beiden von den Gaskammern zu den Verbrennungsöfen wandern, entspinnt sich zwischen ihnen eine ganz innige Zweisamkeit voll von gegenseitigem Verständnis. Ihr Spaziergang über das Gelände ist ein symbolischer Akt der Versöhnung, der unprätentiös und ohne große Gesten auskommt. Regisseurin Marceline Loridan-Ivens hat in "Birkenau und Rosenfeld" eine sehr einfache, plastische und dafür umso beklemmendere Art gefunden, den Horror der Vernichtungslager zu vergegenwärtigen. Niemals vorher durfte innerhalb der Grenzen einer Gedenkstätte gedreht werden. Der intensive, dokumentarisch anmutende Spielfilm einer Holocaust-Überlebenden überschreitet diese Grenze und wird dennoch nicht voyeuristisch. Ohne Schuldzuweisungen oder Groll bebildert Loridan-Ivens ihre persönlichen Schwierigkeiten mit der Vergangenheitsbewältigung.<BR><BR>"Birkenau und Rosenfeld" wäre allerdings nur halb so eindringlich, würde nicht die großartige Anouk Aimé´e, die selbst viele Familienmitglieder im KZ verloren hat, der Protagonistin ihr ausdrucksvolles Gesicht leihen. So vereist etwa ihre Miene nur kaum merklich, als neben ihr in der Gaskammer eine Touristin erklärt: "Seltsam, ich fühle nichts. Hier ist gar nichts!" Diese leisen, geschickt gesetzten Töne sind es, die aus "Birkenau und Rosenfeld" einen Film mit ungeheurem Nachhall werden lassen.</P><P>"Birkenau und Rosenfeld"<BR>mit Anouk Aimée, August Diehl<BR>Regie: Marceline Loridan-Ivens<BR>Hervorragend <BR></P>

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