Zurück zum Punkt der Unschuld

- "Oh when the Saints go marchin' in" ­ zu diesem bekannten Lied erlebt man eine knapp zehnminütige, dialogfreie Eröffnungssequenz. Die in leichter Zeitlupe gehaltenen Bilder sind allzu "harmonisch", kleine Kamerablicke und andere Bedrohungszeichen zu deutlich gesetzt, als dass jedem erfahrenen Zuschauer nicht sofort klar wäre, das dies nur Vorboten einer Katastrophe sein können.

Es folgt eine für Regisseur Tony Scott typische Ästhetik des Schreckens: Attentat, Explosion, durch den Feuerball wirbelnde Körper, zerfetzte Leichen, Verwundete, die Tränen der Überlebenden. Dann taucht der von Denzel Washington verkörperte Held auf, und die eigentliche Geschichte beginnt. . .

Die Liebe eines Lebenden zu einer Toten

Am besten ist Scott, wenn er sich wie in "True Romance" und "Spy Game" ungehindert austoben kann. Scotts neuer Film, einmal mehr ebenso virtuoses wie naives Spektakelkino, erzählt von einer erzwungenen, außergewöhnlichen Reise in die Vergangenheit: die Liebe eines Lebenden zu einer Toten, ein bekanntes Motiv der Romantik, das auch im Kino schon öfters zu Ehren kam, am besten und bekanntesten neben Hitchcocks "Vertigo" in Otto Premingers Film Noir "Laura". Dort verliebt sich ein Polizist, der dabei ist, einen Mordfall aufzuklären, in das Opfer, das ihm nur aus Erzählungen über die Tote und durch ein wunderbares Gemälde bekannt ist.

Ähnlich ergeht es nun in "Déjà Vu" dem Polizei-Agenten Doug Carlin (Washington). Er ermittelt nach dem Bombenanschlag. Dabei stößt er auf die verstorbene Claire, zuerst scheinbar nur eines von vielen Opfern. Doch die schöne Leiche hat einen wesentlichen "Fehler": Claire starb vor der Explosion. Schnell wird klar, dass dieses Rätsel der Schlüssel zur Aufklärung des Attentats ist. Eine neue Lage ergibt sich, als Carlin zu einer Sondereinheit abgestellt wird, die über eine hochavancierte Geheimtechnologie verfügt: Die Ermittler können in die Stunden vor dem Attentat zurückreisen. Wenn Carlin also dessen Urheber rechtzeitig findet, könnte er das Attentat verhindern und Claire retten.

"Déjà Vu" ist Action pur, laut und dynamisch, elegant inszeniert und so schnell geschnitten, dass man erst nach Kinoschluss zum Nachdenken kommt ­ und das sollte man besser gleich wieder lassen, denn dieses Szenario ist mindestens so aberwitzig wie eine durchschnittliche "Enterprise"-Folge.

Schwerer wiegt, wie naiv-positiv hier der Überwachungsstaat und das Eindringen in die letzte Intimität des Privatlebens besetzt sind. Es geht ja schließlich um "Kampf gegen Terror", da scheint offenbar alles gerechtfertigt. Da der Ort der Handlung New Orleans ist, in der erstmals seit den Hurrikan-Verheerungen wieder gedreht wurde, erzählt der Film auch von realen Katastrophen: "Katrina", "9/11" und das Attentat von Oklahoma durch rechtsextremistische US-Terroristen.

"Déjà Vu" dreht sich im Kern um die Sehnsucht, all dies ungeschehen zu machen, um den Tagtraum, die Uhr zurückzudrehen bis zu einem Punkt der Unschuld, an dem alles gut und richtig ist ­ ein Kinderwunsch, wie er uns oft im Kino begegnet. So verständlich er hier ist, so verräterisch ist er für das kollektive Unbewusste der US-Gesellschaft, für eine unverarbeitete Traumatisierung, die ihre Spuren auch im Mainstreamkino hinterlässt. Und Tony Scott zeigt sich mit diesem Märchen für Erwachsene einmal mehr als wahrer, wenn auch etwas grober Romantiker. (In München: Mathäser, Maxx, Autokino, Forum, Cinema i.O.)

"Déjà Vu" mit Denzel Washington, Paula Patton

Regie: Tony Scott

Sehenswert

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