Zwei Freunde und doch Fremde

- Wie konnte das geschehen? Das Kino weiß Vergangenes effektvoll zu rekapitulieren. Äußere Handlung und innere Motive müssen aber nicht deckungsgleich sein. Auch in dem Film "Ich liebe das Rauschen des Meeres" wird zurückgeblendet, um den Selbstmordversuch eines Jugendlichen aus Turin zu ergründen. Sein Vater Luigi (Silvio Orlando), ein betuchter Geschäftsmann, steht an seinem Bett und ringt um Antwort. Vielleicht begann das Unglück ja mit einem anderen Jungen, Rosario, den er aus dem Urlaub in seiner Heimat in Kalabrien mit nach Turin brachte, um ihm eine Ausbildung zu ermöglichen. Luigi trug das seine dazu bei, dass sich Matteo und Rosario anfreundeten, obwohl sie unterschiedlicher kaum sein konnten: fahrig und laut der eine, stumm und stolz der andere.

<P>Gesprochen wird wenig; auch die Inszenierung spart an ausladenden Erklärungen. Zwar erfährt man viele Details, doch kommt man niemandem wirklich nahe, weil ein unsichtbarer Ring aus Einsamkeit die Figuren umgibt. Die seltsame Freundschaft verstärkt ihrerseits aber die Widersprüche der Umwelt: Luigis ambivalentes Verhältnis zu Frauen beispielsweise oder seine verdrängte Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen. Aus all dem müsste keine Katastrophe erwachsen. Und doch spürt Luigi, dass der Selbstmordversuch viel mit ihm und seiner Art zu leben zu tun haben muss. Beiläufig und still, aber mit viel Anteilnahme erzählt der ehemalige Dokumentarfilmer Mimmo Calopresti vom Preis des Wohlstandes wie der Unabhängigkeit. </P><P>"Preferisco il rumore del mare"/"Ich liebe das Rauschen des Meeres", zitiert Rosario am Ende trotzig einen Vers, als er Turin den Rücken kehrt. Dass die Wellen in der letzten Einstellung nur träge gegen den kalabrischen Strand schwappen, unterstreicht den realistischen Charakter dieser Gegenwartsstudie, die nicht argumentiert, sondern konstatiert: Caloprestis Film besteht aus seelischen Momentaufnahmen, die sich in der Begegnung zweier Heranwachsender zu einem Leben verdichten, das seinen Niederlagen erstmals auch etwas Positives abgewinnen kann: So entsteht eine Art utopischer Gegenentwurf, der eine Biografie aus schlüssigen Handlungsketten ins Weite einer nicht vollendeten Zukunft stellt. (In München: Theatiner i. O.)<BR><BR>"Ich liebe das Rauschen des Meeres"<BR>mit Silvio Orlando, Michele Raso, Paolo Cirio<BR>Regie: Mimmo Calopresti<BR>Sehenswert </P><P> </P>

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