Zwischen Flirt und Vernunft

- Ein Fremder, nicht im Zug wie bei Hitchcock, aber dafür im Flieger. Lisa, Managerin in einem Luxushotel, wird von ihm erpresst. Man werde ihren Vater ermorden, lautet die Drohung, wenn sie nicht einen prominenten Hotelgast, den Chef der "US-Homeland-Security", mit dessen Familie in eine andere Suite verlege. Ist das geschehen, daran besteht kein Zweifel, droht diesem ein Attentat. Nun steht die junge Frau, so scheint es, vor der Entscheidung, das Leben eines Verwandten oder das anderer Menschen zu opfern.

Dieses Dilemma bildet den Kern von Wes Cravens Film. Mit "Red Eye" erobert sich der "Scream"-Regisseur das Terrain des Psychothrillers mit realistischen und sogar komödiantischen Elementen. Zugleich ist dies ein typischer Craven-Film, der souverän auf eine Achterbahn der Emotionen führt, mit Kinotricks spielt und seine geradlinige Genrestory mit Anspielungen anreichert und so zum formbewussten Kunstwerk macht.

Zuerst begegnet man Lisa in Situationen des modernen Lebens. Mit dem Taxi fährt sie zum Flughafen, gerät in einen Stau, dann verspätet sich auch noch der Abflug. Am Ticketschalter trifft sie einen jungen Mann. Gerade in diesen Passagen des zufälligen Kennenlernens zweier gleichaltriger Singles wird "Red Eye" zu einer Ironisierung der romantischen Komödie.

Doch etwas stimmt hier nicht. Während des Flugs sitzt Lisa neben diesem Mann. Man spürt ihre instinktive Irritation durch so viele Zufälle, merkt auch, dass sie sich hin- und hergerissen fühlt zwischen der Lust am Flirt und ihrer Vernunft, die sie warnt.

Bald entpuppt sich der Nachbar als gefährlicher Erpresser. Opfer und Verbrecher sind zum Nebeneinander verdammt - Klaustrophobie pur! Hier wird "Red Eye" zum Geniestück des Timings und der subtilen Verschiebungen, die die Spannung immer weiter steigern. Mit bewundernswerter Ökonomie und hohem Tempo gewinnt Craven diesem scheinbar begrenzten Szenario immer neue, unterhaltsame Facetten ab.

"Red Eye" ist ein kurzweiliger, angenehm klassischer Thriller. Ein Film, der seine Geschichte ohne Unterbrechung sachte eskalieren lässt. Nebenbei zeigt Wes Craven, dass man moralische Dilemmata nicht akzeptieren muss und sich nicht in die Falle der von anderen gestellten Alternativen flüchten darf.

(In München: Mathäser, Marmorhaus, Maxx, Royal, Autokino.)

"Red Eye"

mit Rachel McAdams, Cilian Murphy

Regie: Wes Craven

Hervorragend

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