Zwischen Freiheit und Fanatismus

- Keine Frage: Der spanische Maler Francisco Goya (1746-1828) ist ein Künstler, der auch die Moderne stark beeinflusst hat. Es liegt nahe, von diesem Leben auch in Form eines Films zu erzählen. Und mit "Amadeus" hat Milos Forman bereits eine der erfolgreichsten solcher Künstler-Biografien gedreht. Eine Existenz zwischen Absolutismus, Französischer Revolution, napoleonischem Zeitalter und Restauration.

Faszination für das Dunkle und Abgründige

Aber auch Goyas eigenes Leben enthält viel Stoff für einen abwechslungsreichen Film: Er gehörte als Hofmaler zu den besseren Kreisen der Madrider Gesellschaft, doch war er durch die Druckgrafiken auch beim Bürgertum populär. Und er hatte Ärger mit der in Spanien damals noch sehr lebendigen Inquisition.

Forman erzählt drei Aspekte dieses facettenreichen "Goya-Komplexes". Natürlich geht es um wichtige Stationen im Leben des Künstlers, zugleich um die ganze Epoche, um die Ideen und Entwicklungen, die sie bestimmten. Ein drittes, genauso wichtiges Thema ist aber Goyas Malerei, die Bilder, in denen individuelle Erfahrung und Tendenzen des Zeitalters zusammenfallen. Kern des Films ist somit nicht weniger als eine geschichtsphilosophische These: die Behauptung der Verschränkung von Politischem und Persönlichem in der Kunst ­ die der Theorie der Epoche entspricht. Hegel schrieb etwa, Kunst sei ihre "Zeit in Erscheinung gefasst". Forman begründet sämtliche Themen von Goyas Spätwerk, leitet Wahnsinn, Kriegsgräuel, soziales Elend, die verzweifelte Faszination für das Dunkle und Abgründige menschlicher Existenz aus Goyas persönlicher Erfahrung ab.

Paradoxerweise -­ aber zumindest hierin "Amadeus" ähnlich -­ nähert sich Forman seinem Thema über den Umweg einer zweiten Figur: Es ist gar nicht Goya (Stellan Skarsgård), sondern der dämonische Großinquisitor Lorenzo (Javier Bardem), der im Zentrum steht. Der ist ein Fanatiker, der seinen Eifer zuerst in den Dienst der katholischen Gegenaufklärung stellt, später dann in den Napoleons und der Ideen der Französischen Revolution. Objekt der Begierde für den Maler und den Inquisitor ist Goyas Modell Ines (Natalie Portman), der Konflikt ist politisch und persönlich.

Der thematisch verschachtelte Film setzt 1792 ein, mit der Inhaftierung von Ines durch die Inquisition. Trotz offensichtlicher Unschuld wird sie zu jahrzehntelanger Kerkerhaft verurteilt. Nach einer Vergewaltigung durch Lorenzo bringt sie eine Tochter zur Welt, die als Hure in Madrid enden wird. Später landet Ines im Irrenhaus -­ die Kunst wird bei Forman auch im Melodram geboren.

Ein Film über Goya ist "Goyas Geister" nur indirekt, der Künstler bleibt zu nebensächlich, und seinem Werk kommt nur eine Randbedeutung zu. Stattdessen arbeitet sich Milos Forman ein weiteres Mal an seinem Lebensthema, dem Verhältnis von Freiheit und Fanatismus, ab. Das ist schön anzusehen und hervorragend gespielt, die Story freilich ist mitunter etwas plakativ und ­ im Falle Goyas sehr unverständlich ­- bedauernswert unsinnlich.

(Ab morgen in München: Arri, City, Cinema i.O., Theatiner i.O.)

"Goyas Geister"

mit Stellan Skarsgård,

Javier Bardem

Regie: Milos Forman

Annehmbar ***

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