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Heute vor 130 Jahren wurde Lion Feuchtwanger geboren. Rechts: Lion und Marta Feuchtwanger im Jahr 1934 in ihrer Bibliothek in Sanary-sur-Mer.

Schriftsteller

Zum 130. Geburtstag: Biografie von Lion Feuchtwanger

Heute vor 130 Jahren wurde Lion Feuchtwanger geboren. Zum Jubiläum erscheint eine Neuauflage von Wilhelm von Sternburgs Biografie des Autors.

"Hitler hat mir das Bürgerrecht weggenommen, doch nicht wegnehmen konnte er mir meinen bayerischen Dialekt.“ So Lion Feuchtwanger (1884–1958), als er 1933 in Amerika, auf umjubelter Vortragsreise, von seiner Ausbürgerung durch die Nazis und der Beschlagnahmung seines Vermögens erfährt. Das besteht nicht nur aus der neuen Villa in Berlin-Grunewald, die ein SA-Trupp auf der vergeblichen Suche nach dem Besitzer verwüstet; da sind auch die stattlichen Konten beim Bankhaus J. L. (Jakob Löw) Feuchtwanger in der Münchner Dienerstraße.

„Solange es in Deutschland noch einen Winkel gibt, wo die Kunst den Mund auftun darf, wollen wir es unmissverständlich aussprechen und in die Schädel hämmern: Das Dritte Reich bedeutet Ausrottung der Wissenschaft, der Kunst, des Geistes“, hatte der Schriftsteller noch am 21. Januar 1931 in der „Welt am Abend“ geschrieben. Die Antwort der Nazis kam prompt im „Angriff“: „Heil und Sieg, Herr Feuchtwanger, und gute Reise. Sie sind ein blendender Prophet.“ Zwei Jahre später, in den USA, entscheidet sich der Autor, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. Er ist damals 49 Jahre alt.

Heute ist Feuchtwangers 130. Geburtstag. Dem Aufbau Verlag ist das Grund genug, die 1984 zum Hundertsten des Dichters erschienene Biografie neu aufzulegen, vom Verfasser Wilhelm von Sternburg aktualisiert durch mittlerweile zugänglich gewordenes Material. Die Stadt München dagegen, deren berühmter Sohn Lion Feuchtwanger ist, zeigt an diesem Jubiläum kein gesteigertes Interesse. Stadt- und Staatstheater sowieso nicht, obwohl in Feuchtwangers Münchner Zeit nicht nur die Romane „Jud Süß“ und „Die hässliche Herzogin“ entstanden, die ihm internationale Leserschaft eintrugen, sondern auch Theaterstücke.

Münchner kümmern sich nicht sonderlich um Feutwanger

Man muss von Sternburg Recht geben in seiner Behauptung, die Münchner würden sich nach wie vor nicht sonderlich um Feuchtwanger kümmern. Jude und Kommunist, so der Biograf, das sei zu viel für die konservativen Bewohner der bayerischen Hochebene. Keine unwesentliche Rolle spielt dabei die nach wie vor schwer erklärbare Tatsache, dass sich der Schriftsteller 1937 mit einer Reise durch die Sowjetunion, seiner Lobpreisung Stalins, mit der beifälligen Teilnahme an einem der Schauprozesse, schließlich mit der Propagandaschrift „Moskau 1937“ selbst in Verruf gebracht hat. Ein Kommunist aber ist Feuchtwanger in Wirklichkeit nie gewesen, dazu ist er viel zu sehr Luxus gewohnter Großbürger. Eher ließe er sich als „linker Optimist“ einstufen, der sein Judentum nie aus den Augen verliert („Josephus Trilogie“) und der seine Leser auf kapitalistischer wie sozialistischer Seite findet.

Trotz der Reserviertheit der Heimatstadt sei an die Aufführung erinnert, mit der zu Feuchtwangers 100. Geburtstag das Residenztheater 1984 seinen Münchner Schlüssel-Roman „Erfolg“ in dramatisierter Fassung auf die Bühne brachte. Kein schlechter Versuch, den Schriftsteller zu ehren. Seither aber herrscht theatralisch Funkstille, was durchaus peinlich ist. Eine „Erfolg“-Lesung ist wohlfeil zu haben, aber eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Werk steht aus.

Feuchtwanger steht zu seiner Stadt - und umgekehrt

In von Sternburgs Biografie ist sehr schön nachzulesen, wie Feuchtwanger zu seiner Stadt steht und die Stadt zu ihm. Das gegenseitige Verhältnis ist zunächst problemlos. Feuchtwanger, der als erstes von neun Kindern des Haidhauser Margarinefabrikanten Sigmund Feuchtwanger ins wohlhabende Bürgertum geboren wird, gilt als schüchtern, ist aber ein sehr guter Schüler. Mit Mutter und Geschwistern verbringt er Ferien in Starnberg oder Kochel; später noch fühlt sich Feuchtwanger eins mit Stadt und Landschaft, die ihn geprägt haben.

Erste schriftstellerische Proben liefert er bei Schulfesten des Wilhelmsgymnasiums, wo er 1903 das Abitur ablegt. Danach zieht der 19-Jährige aus der elterlichen Wohnung am St.-Anna-Platz aus, um in der Gewürzmühlstraße sein eigener Herr zu sein. Er entflieht damit der orthodoxen Strenge des Vaters und der bürgerlichen Scheinmoral des Elternhauses. Er schreibt Kritiken, verfasst Stücke, organisiert einen Faschingsball und wird, da er dafür den Arbeitern den Lohn schuldig bleibt, in der „Münchner Post“ von Redakteur Kurt Eisner als reiches „Margarinebarönchen“ verspottet. Mittlerweile ist „das Söhnchen“ promoviert, und Doktorvater Franz Munker rät zur Habilitation. Halbherzig sagt Feuchtwanger zu, wissend, dass ein Jude an einer bayerischen Universität nicht ordentlicher Professor werden kann. Er beendet die Arbeit nicht. In seinen Rezensionen kennt Feuchtwanger keine Gnade – so auch 1910 bei der Passion in Oberammergau: „Man bekommt Kopfschmerzen über diese Prosa, die Seekrankheit über diesen Versen und begreift, warum das Vorspiel gleich im zweiten Vers die Hörer als ,ein von Gottes Fluch gebeugtes Geschlecht‘ anspricht.“

Feuchtwanger schreibt viel für wenig Geld. Immer steckt er in finanziellen Engpässen. Die Spielleidenschaft verschlimmert die Situation. Und er muss für Marta sorgen, seit 1910 seine Lebenspartnerin. Doch langsam verbessert sich die materielle Lage. Man wohnt in der Georgenstraße, empfängt die künstlerische Intelligenz Münchens, schließt Freundschaft mit Bertolt Brecht, Bruno Frank, Arnold Zweig, und feiert erste Erfolge. Feuchtwanger ist auf dem Weg zum Weltschriftsteller. „Die hässliche Herzogin“ und „Jud Süß“ machen ihn materiell unabhängig. 1925 ziehen die Feuchtwangers nach Berlin. Hier nutzt er den Abstand zur Heimat, um „Erfolg“ zu schreiben, das grandiose Sittenbild Oberbayerns und seiner Hauptstadt.

Ausführlich folgt von Sternburg dem Weg des Schriftstellers, detailliert, fast ein bisschen zu ausführlich analysiert er dessen Schaffen. Und mit höchstem Respekt schildert er das Exil in Südfrankreich, die Zeit der Internierung und die Flucht, 1940, in die USA. Kalifornien, Pacific Palisades, wird Feuchtwangers letztes Zuhause: für 18 arbeitsreiche Jahre, in denen 13 Werke entstehen, darunter „Goya“, „Die Jüdin von Toledo“ und „Jefta und seine Töchter“.

Da wäre keine Zeit gewesen, München zu besuchen. Zwar buhlt die Universität um ihn, teilt mit, man wolle ihn wieder in akademische Würden setzen, macht aber aus dem „Rabbi von Bacherach“, dem Dissertationstitel, den „Rabbi von Biberach“. Ein zweites Mal erreicht Feuchtwanger offizielle Post aus der Heimat. Die Stadt wird ihm 1957 ihren Literaturpreis verleihen. Dass München noch fremdelt mit dem Sohn, beweist die Urkunde, auf der es heißt, er sei schon 1933 ins US-Exil gegangen. Dennoch antwortet Feuchtwanger: „Es ist mir eine Herzensfreude, dass mir meine Heimatstadt nach so vielem Auf und Ab den Literaturpreis zuerkennt.“ Oskar Maria Graf schreibt ihm aus New York: „Endlich scheint dieses Münchner Volk, das Sie in Ihrem ,Erfolg‘ so großartig präzis geschildert haben, einen Lichtblick gehabt zu haben.“

Zeit wäre es für einen erneuten Lichtblick. Diese Biografie ist angetan, dazu beizutragen.

Wilhelm von Sternburg:

„Lion Feuchtwanger“. Aufbau Verlag, Berlin, 543 Seiten; 26 Euro.

Von Sabine Dultz

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