1,92 Meter groß und blond

- Nach dem Abi das lang ersehnte Freiheitslustgefühl: jetzt erst mal weg von zu Hause. Paulina aus dem kleinen holländischen Vlissingen, angehende Kunststudentin, will nach Paris - zum kostengünstigsten Tarif, also "Au pair". Man wäre aber auf der falschen Fährte, würde man von dem so getitelten Buch des Niederländers Willem Frederik Hermans (1921- 1995), einer der wichtigsten modernen Autoren seines Landes, nur die merkwürdigen bis grotesken Erfahrungen ausländischer Au-pair-Mädchen in einer gewissen pfennigfuchserischen Kaste der französischen Bourgeoisie und Horror-Storys mit deren schwer erziehbarer Brut erwarten. Das gibt es in diesem zwischen 1983 und 1989 leichthändig geschriebenen Roman natürlich auch.

<P>Leichtgewichtiger sicher als die frühen Werke wie "Die Tränen der Akazien" (1949) oder "Nie mehr schlafen" (1966) ist "Au pair" jedoch wunderbar trocken-humorvoll, lapidar erzählt, wobei man Hermans auch als unnachahmlich scheinbar beiläufigen Gesellschaftskritiker kennen lernt. So weist Madame Pauchard die Pariser Newcomerin in ihren dunklen "chambre de bonne"-Verschlag unterm Dach ein, wie folgt: "Drei Araber in einem Zimmer wie diesem, das rentiert sich. Wer es einem Au-pair-Mädchen überlässt, bringt ein Opfer." Was Paulina sonst noch an Unerhörtem bei dem Anwalts-Paar Pauchard und seinem frühreif-unverschämten Balg erlebt, lässt sie sich als erste Paris-Lektion gesagt sein. <BR><BR>Das Geld des ermordeten Juden<BR><BR>Ihre ungewöhnliche Körpergröße von 1,92 Metern, die sie schon gegen sexuelle Avancen feit, verleiht ihr auch sonst eine Probleme überwindende Zuversicht. Und mit ihrer bodenständig-klugen Weltneugier - spezieller Charme übrigens und absoluter Leseanreiz - lernt sie schnell. So wechselt das Riesenmädchen mit dem blonden Rapunzelhaar über das Au-pair-Vermittlungsbüro ins wohlhabende Haus eines pensionierten Generals.<BR><BR>Und jetzt das Gegenteil von Neureichen-Arroganz und verschreckendem afro-arabischem Mansarden-Ambiente (einmal ein stockbetrunkener Typ schlafend in ihrem Bett!). In Zimmer mit Bad und Blick auf den Jardin du Luxembourg, verwöhnt von Geschenken und Dienstpersonal-Service, führt sie ein Luxusleben mit freier Zeit fürs Kunststudium. Das junge Geschöpf genießt gern - eine kleine Unruhe regt sich jedoch bei ihr, dass sie keinerlei Au-pair-Pflichten hat . . .<BR><BR>Was sich zunächst als Entwicklungsroman anlässt, verquickt sich nun mit einer höchst verzwickt gesponnenen detektivischen Geschichte. Paulina, die sich für all die Nettigkeiten endlich erkenntlich zeigen will, bietet sich schließlich in aller Unschuld selbst für eine gefährliche Mission an - für die sie allerdings von vornherein angeheuert war: nämlich ein dem General in Kriegszeiten anvertrautes jüdisches Vermögen in die Schweiz zu bringen, zwecks Transfer nach Israel. Durch konkurrierende Ansichten und Manipulationen innerhalb der Generalsfamilie landet es jedoch genau da, wo es nach dem Willen des Generals nicht hin sollte: bei dem Schwager des offensichtlich ermordeten Juden, dem ehemaligen SS-Offizier Müller, dem das Geld juristisch zusteht.<BR><BR>"Au pair" also auch ein politischer Roman? Nein, wenn auch Hermans, Autor von "Die Dunkelkammer des Damokles" (1958), Erfolgsroman über den holländischen Widerstand gegen die Nazis (2001 im Kiepenheuer Verlag), immer aus einer politischen Haltung heraus schreibt. Aber Paulines labyrinthisch verschlungener Au-pair-Ausflug hat, typisch für diesen Meister der Ambivalenzen, eine philosophische Grundtönung, ist auch wieder ein Roman über die Undurchschaubarkeit der Welt - mag auch die junge Heldin am Ende erkennen, dass sie benutzt wurde.</P><P>Willem Frederik Hermans: "Au pair". <BR>Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. <BR>Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin, 494 Seiten; 19,90 Euro.<BR></P><P><BR> </P>

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