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Lebenslanges Posieren – ob privat oder auf der Bühne:Franz Liszt (Kopie eines Gemäldes von Henri Lehmann).

200. Geburtstag von Franz Liszt: Der erste Superstar

Die Damenwelt fiel bei seinen Auftritten in Ekstase oder Ohnmacht: Franz Liszt, der an diesem Samstag vor 200 Jahren geboren wurde, war der erste „moderne“ Superstar der Klassikszene. Heute allerdings kümmert sich das Musikleben kaum mehr um ihn.

Kurz vor Beginn der jüngsten Bayreuther Festspiele trat seiner Ur-Urenkelin familiengemäß der Schaum vor den Mund. „Unverständlich, beschämend und skandalös“ fand Nike Wagner, dass ihren Cousinen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier nichts zum 200. Geburtstag des Tasten-Artisten eingefallen war. Wieder einmal also Liszt im Schatten seines Schwiegersohnes Richard Wagner, argwöhnte seine irdische Sachwalterin. Doch die Festspiel-Leitung präsentierte keine üblen Argumente: Immerhin hatte die Stadt Bayreuth 150 Jubiläumsveranstaltungen organisiert – was sollte man da noch dagegensetzen?

Irgendwie passt das Affärchen zur aktuellen Wahrnehmung von Franz Liszt. Wichtig finden ihn alle. Doch wenn sich einmal die Klassikszene zur Wiedervorlage des schillernden Künstlers aufrafft, dann wird das kaum registriert. Überhaupt finden sich in den meisten aktuellen Orchesterprogrammen nur Spurenelemente à la Klavierkonzerte oder die „Faust-Symphonie“: Liszt – war da was?

Im vorvergangenen Jahrhundert auf jeden Fall. Viel mehr noch: Franz Liszt, der am 22. Oktober 1811 im ungarischen Raiding (heute Burgenland) geboren wurde, war der erste Superstar der Klassikszene. Keiner, der nur in Kabinetten oder fürstlichen Sälen vor Blaublütern spielte, sondern der das große Auditorium suchte – und brauchte. Kein anderer Musiker war seinerzeit so populär. Und kaum eine andere Musik wurde dadurch so populistisch wie seine. Was nicht negativ gemeint sein muss: Die Öffnung der Konzertsäle für ein größeres Publikum bedingte im Falle seines Klavierspiels eine andere, angriffslustigere Interpretationsweise. Und im Falle seines Kompositionsstils eben auch eine andere, wirkungsbewusstere Haltung.

Nicht mehr das feine Florett der Kammermusik, das intime Klangerlebnis war gefragt, sondern der große, der überwältigende Auftritt. Liszt kam dabei seine brillante, ja sagenhafte Fingerfertigkeit zugute. Seine Klavierstücke waren für die meisten Solisten nicht zu bewältigen. Liszt wurde dabei nicht in die Superstar-Rolle gedrängt, er genoss sie. Leben und Werk durchdrangen sich auf eigentümliche Weise: Beides war ein ständiges Posieren.

Schuld daran mag schon die Kindheit gewesen sein. Wie einst Mozart wurde der junge Franz, Schüler des Klavierpapstes Carl Czerny und des alten Tonschöpfers Antonio Salieri, vom Vater in ganz Europa vorgeführt. Die größten Erfolge feierte man in Paris: 38 Auftritte innerhalb von drei Monaten absolvierte Franz Liszt, lernte im Folgenden Balzac, Berlioz, Chopin und Heine kennen – und wurde zum Frankophonen.

Mit zunehmender Berühmtheit häuften sich die Einkünfte – und die Frauengeschichten. Zum Fixstern in Liszts Leben wurde dennoch die sechs Jahre ältere Adelige Marie d’Agoult. Mit ihr hatte er drei Kinder, darunter Cosima, die spätere Ehefrau Richard Wagners. Nicht schwer zu erraten, woran die Beziehung zur Gräfin zerbrach: Liszt gierte nach Verehrung nicht nur im Konzertsaal, sondern auch in vielen Privatgemächern der holden Weiblichkeit. Wer seine komplizierte Persönlichkeit wohl ein Stück weit verstand, war eine andere Frau, Carolyne zu Sayn-Wittgenstein. Mit ihr lebte er in „wilder Ehe“ in Weimar, wo er Hofkapellmeister war. Dass Liszt nach dem Ende dieser Beziehung in Rom um die niederen geistlichen Weihen eines Abbé nachsuchte, ist nicht allein die Folge tief empfundener Gottesfurcht: Auch diesen Lebenswandel erfüllte er für alle sichtbar wie eine Rolle. Mit schlohweißem langen Haar und schwarzer Soutane zog diese hagere, merkwürdige Gestalt erst recht die Blicke auf sich – übrigens auch wieder im Konzertsaal.

Umso erstaunlicher, dass er, der nicht zum Zuhören einlädt, sondern den Musikkonsumenten – ob mit höllisch schweren, risikolustigen Klavierstücken oder effektvoll glitzernden Tondichtungen – geradezu überfüllt, dass dieser Meister des Offensiven also gerade heutzutage kaum mehr gefragt ist. Liszt, das wäre im Grunde der ideale Meister fürs grelle 21. Jahrhundert. Ob das Gedenkjahr hier eine Hilfe ist? Die Bilanzen sagen anderes. Die Weimarer Liszt-Ausstellung verzeichnete 20 000 Besucher, 10 000 weniger als gedacht. Und die Konzertprogrammierung außerhalb einschlägiger Festivals spricht ohnehin für sich. Ur-Urenkelin Nike Wagner, Leiterin des Kunstfests Weimar, hofft freilich bei Letzterem auf eine Änderung: „Dann versteht das Publikum schon, welch ein poetischer, wagemutiger und fantasievoller Komponist er war.“

Markus Thiel

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