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Emanzipation an der Seite eines Wolfes: „Auf poetische und radikale Weise erzählt Nicolette Krebitz von der Befreiung einer jungen Außenseiterin“, begründete die Jury die Auszeichnung für die Regisseurin und ihren Film „Wild“.

38. Bayerischer Filmpreis

Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet

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München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.

Eine Gala ist ein Fest. Da wird gefeiert, gelobt, gejubelt, gedankt, und es fließt das ein oder andere Tränchen des Glücks – wie am Freitagabend im Münchner Prinzregententheater bei der 38. Verleihung des Bayerischen Filmpreises. Manchmal lohnt es sich jedoch, einen Moment inne zu halten, das Freudenkarussell anzuhalten und einen Blick auf die Zahlen zu werfen. Auf die nüchternen Fakten. Wer das in diesem Fall macht, wird noch glücklicher über das Votum der Juroren sein.

Die Zahlen also: Im Jahr 2015 (aktuellere Daten gibt es bislang nicht) wurden lediglich rund 16 Prozent der deutschen Kinofilme von Frauen inszeniert. Damit hat sich diese sowieso schon miese Quote nochmals um drei Prozent im Vergleich zu 2014 verschlechtert, wie der Bundesverband Regie vorrechnet. Und: Bei teuren, also finanziell gut ausgestatteten Produktionen, ist es unwahrscheinlicher, dass eine Frau auf dem Regiestuhl sitzt als bei sogenannten Low-Budget-Werken, die von allen Beteiligten viel Selbstausbeutung erfordern.

Fünf ausgezeichnete Frauen

Es ist ein starkes Signal, das da am Freitagabend aus dem Prinzregententheater an die Branche geschickt wurde. Da das zurückliegende Filmjahr „durch besonders starke Leistungen von Regisseurinnen“ geprägt war, wurden fünf (!) Filmemacherinnen ausgezeichnet. Dafür wurde die ursprüngliche Preissumme von 10 000 Euro aufgestockt; es wurden fünf Mal 4000 Euro vergeben. Natürlich sind sich die Verantwortlichen der Bedeutung ihrer Entscheidung bewusst – der Bayerische Filmpreis gehört mit einer Summe von insgesamt 370 000 Euro zu den wichtigsten deutschen Medienauszeichnungen und läutet das Kinojahr bei uns ein. Das Schöne am Freitagabend war, dass die Werke aller fünf Regisseurinnen absolut preiswürdig sind. Maren Ades komisch-trauriges Drama „Toni Erdmann“, das für Deutschland auch im Oscar-Rennen ist; Maria Schraders kluge psychologische Studie über die Exiljahre des Schriftstellers Stefan Zweig; die dramaturgisch wie ästhetisch dankenswert mutige Emanzipationsgeschichte, die Nicolette Krebitz in „Wild“ erzählt; Marie Noëlles komplexes Leinwandporträt der Wissenschaftlerin „Marie Curie“ sowie Franziska Meletzkys DDR-Komödie „Vorwärts immer!“, die beweist, dass Unterhaltung rasant und intelligent inszeniert sein kann.

Produzenten- und Publikumspreis für „Willkommen bei den Hartmanns“

Die mit 200 000 Euro höchstdotierte Auszeichnung ging an das Quartett Max Wiedemann, Quirin Berg, Michael und Simon Verhoeven für die Integrationskomödie „Willkommen bei den Hartmanns“, die mit den Mitteln des Slapsticks und der satirischen Überzeichnung unterhaltsam, aber auch kritisch von der Flüchtlingsproblematik erzählt. Damit trifft die Jury ins Herz der Zuschauer: Mit rund 3,2 Millionen Besuchern ist „Willkommen bei den Hartmanns“ nicht nur die erfolgreichste deutsche Kinoproduktion des vergangenen Jahres – im Prinzregententheater gab es zudem den Publikumspreis für Regisseur Simon Verhoeven.

Ehrenpreis für Bruno Ganz

Dieser ist ebenso undotiert wie ein Sonderpreis, der heuer an das deutsche Produzentenduo der deutsch-amerikanischen Gemeinschaftsarbeit „Snowden“ von Oliver Stone ging. „Ein hervorragend gemachter Politthriller, der durch die besondere Leistung von Philip Schulz-Deyle und Moritz Borman zu großen Teilen in Bayern entstanden ist.“

Wie berichtet, erhielt der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz den Ehrenpreis des Ministerpräsidenten. Bayerns Medienministerin Ilse Aigner würdigte den 75-Jährigen als „Grenzgänger zwischen dem Möglichen und dem für unmöglich Gehaltenen“.

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Die Gewinner im Überblick

Produzentenpreis (200 000 Euro): Max Wiedemann, Quirin Berg, Michael und Simon Verhoeven für „Willkommen bei den Hartmanns“

Regiepreis (jeweils 4000 Euro): 

Maren Ade für „Toni Erdmann“ 

Maria Schrader für „Vor der Morgenröte“ 

Nicolette Krebitz für „Wild“ 

Marie Noëlle für „Marie Curie“ 

Franziska Meletzky für „Vorwärts immer!“

Beste Schauspielerin (10 000 Euro): Sandra Hüller für ihre Rolle in „Toni Erdmann“

Bester Schauspieler (10 000 Euro): Jörg Schüttauf für seine Rolle in „Vorwärts immer!“ 

Bester Nachwuchsregisseur (10 000 Euro): Jakob M. Erwa für „Die Mitte der Welt“

Beste Nachwuchsschauspielerin (10 000 Euro) Lea van Acken für ihre Rolle in „Das Tagebuch der Anne Frank“

Bester Nachwuchsschauspieler (10 000 Euro): Jannis Niewöhner für seine Rollen in „Jonathan“ und „Jugend ohne Gott“

Nachwuchsproduzentenpreis (60 000 Euro): David Lindner Leporda für „Die Reise mit Vater“

Bester Dokumentarfilm (10 000 Euro): Andreas Voigt für „Alles andere zeigt die Zeit“ 

Bestes Szenenbild (10 000 Euro): Eduard Krajewski für „Marie Curie“

Beste Bildgestaltung (10 000 Euro): Frank Lamm für „Paula“

Bester Jugendfilm (10 000 Euro): Marco Mehlitz (Produktion) für „Tschick“

Sonderpreis (undotiert): Philip Schulz-Deyle und Moritz Borman (Produzenten) für „Snowden“

Publikumspreis (undotiert): Simon Verhoeven für „Willkommen bei den Hartmanns“

Ehrenpreis des Ministerpräsidenten (undotiert): Bruno Ganz

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