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Das ist doch etwas anderes als ein langweiliger Ehemann: Elena Pankratova als Färberin in der neuen Münchner „Frau ohne Schatten“. Premiere ist am Donnerstag, Krzysztof Warlikowski führt Regie, am Pult steht Kirill Petrenko.

Historischer Tag

Nationaltheater vor 50 Jahren wiedereröffnet

München - Am Donnerstag, 21. November, ist der historische Tag: Vor 50 Jahren wurde das im Krieg zerstörte Münchner Nationaltheater wiedereröffnet.

Und dies mit der „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss – mit jener Oper also, die auch am Donnerstag dort Premiere hat. Die Titelrolle singt Elena Pankratova.

Sie sprüht vor Temperament und Witz, und ihr herzhaftes Lachen steckt an. Wer sich da wundert, wieso sie sich ausgerechnet mit der unwirschen Färberin, der Titelpartie der „Frau ohne Schatten“, in die vorderste Reihe katapultierte, dem grinst Elena Pankratova entgegen: „Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kind.“ Die russische Sopranistin „diente“ vor einigen Jahren am Opernhaus in Valencia als Cover, als möglicher Krankheits-Ersatz also, für Turandot und Sieglinde, allerdings bei keinem Geringeren als Zubin Mehta.

Kurz danach bot der Maestro ihr eine Kinderstimme in der „Frau ohne Schatten“ an, die er 2010 in Florenz herausbringen wollte. Dazu sollte sie auch die Färberin lernen und als Cover bereitstehen. Elena Pankratova stöhnte über so viel „unnütze“ Arbeit, denn dass die vorgesehene Sängerin ausfiele, damit rechnete sie nie und nimmer. Etwas halbherzig machte sie sich dennoch mit ihrem Mann, dem Gesangspädagogen Vitaly Zapryagaev, an die Arbeit. Mit 70 Prozent einstudierter Partie reiste sie nach Florenz. Das Unglaubliche geschah: Nach drei Proben verlangte Mehta nach Elena Pankratova. „Mir rutschte das Herz in die Hose“, bekennt sie heute. Vor der öffentlichen Generalprobe vertrieb Mehta bei „Lenotschka“, wie er die Russin nannte, mit seinem Lob und seiner Zuversicht den letzten Stress. „Die Premiere an Mehtas Geburtstag wurde ein Riesenerfolg. Sogar Sophia Loren war da, und ich dachte, da muss ich aber wirklich gut singen.“

Die Münchner Neuinszenierung ist für Elena Pankratova bereits die vierte „Frau ohne Schatten“ nach Florenz, Mailand und Buenos Aires. „Sie wird ein musikalisches Ereignis“, schwärmt die Sängerin, die glücklich ist, erstmals mit Kirill Petrenko, dem neuen Generalmusikdirektor zusammenzuarbeiten. „Er lässt nicht die kleinste Nuance außer Acht, ist mit so viel Können, so viel Lust und Liebe zur Musik bei der Sache.“

Regie führt Krzysztof Warlikowski. Spannend findet Elena Pankratova hier das ungewohnte Verhalten der Färberin etwa gegenüber der Jünglings-Erscheinung. „Bisher musste ich mich immer verbergen, hier schmiege ich mich an ihn und offenbare so geheime Wünsche. Gegenüber Barak, der seine Frau ja immer in Schutz nimmt, reagiere ich in den ersten beiden Akten mit extremer Härte. Die beiden finden in ihrer Kommunikation nicht zueinander. Erst als die Färberin ihm einen Betrug vorschwindelt, gerät er aus der Fassung und zeigt, dass er leiden und leidenschaftlich reagieren kann.“

Wer von Elena Pankratova erfährt, mit welchem Enthusiasmus sie ihre Bühnenmenschen kreiert, der ist heilfroh, dass sie nicht Chordirigentin und Musiklehrerin in der russischen Provinz geblieben ist. „Obwohl mir die Arbeit mit den Kindern viel Freude bereitet hat und meine Eltern glücklich waren, dass ich ein sicheres Einkommen hatte, wagte ich heimlich doch die Aufnahmeprüfung in die Gesangsklasse des Konservatoriums.“ Natürlich bestand sie und schloss ihre Ausbildung in St. Petersburg mit Auszeichnung ab. Als am dortigen Mariinski-Theater die Weichen für sie gestellt schienen, büxte sie erneut aus und bewarb sich beim „Phantom der Oper“ in Hamburg. „In den schwierigen Jahren nach der Perestroika wurde dieses Engagement meine Greencard für den Westen“, sagt die aus Jekaterinburg stammende Künstlerin.

In drei Jahren sang sie rund 1000 Musical-Vorstellungen. Knochenarbeit, die gut bezahlt wurde und Meisterkurse bei Renata Scotto ermöglichte. Die große italienische Diva riet zu frühem Verdi, vor allem zu Belcanto. Und die Scotto behielt Recht: Aus der Liu in Puccinis „Turandot“ wurde binnen 13 Jahren die Titelrolle. Zu großen Partien von Bellini, Verdi und Puccini gesellten sich auch Wagners Senta und Sieglinde und verdrängten Mozarts Contessa und Fiordiligi. „Das ist schade, man gerät so schnell in die jeweiligen Schubladen, und dann fragt keiner mehr nach Mozart.“ Auch mit der leichten Muse hat Münchens neue Färberin mehr als nur kokettiert: Sie sang bei den Operettenfestspielen in Mörbisch die Saffi („Zigeunerbaron“) und in Frankfurt, wo sie lebt, auch die Rosalinde in der „Fledermaus“. Warum auch nicht, wie sie findet – alles komme allem zugute.

Gabriele Luster

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