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Oskar Maria Graf im Münchner Mathäser-Biergarten (wohl 1950er- oder 1960er-Jahre).  

Verrückte Anfangsjahre des Schrifstellers

50. Todestag von Oskar Maria Graf - Diagnose: Idiot

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Der Schriftsteller Oskar Maria Graf hat seinen 50. Todestag. Wir decken seine kaum bekannte verrückte Frühzeit auf.

München - Der Schriftsteller Oskar Maria Graf, dessen Todestag sich am Mittwoch zum 50. Mal jährt, hatte erst vergleichsweise spät Erfolg: 1927 erschien „Wir sind Gefangene“, sein Erinnerungsbuch an Kindheit, Krieg und Revolution, das den Oberbayern aus Berg am Starnberger See schlagartig berühmt machte. Früh profilierte sich Graf als Warner vor dem Nationalsozialismus, er veröffentlichte einen drastischen Aufruf anlässlich der NS-Bücherverbrennung („Verbrennt mich“) und emigrierte schließlich nach New York, wo er mit seiner Lederhose auffiel.

So weit, so bekannt. Weniger bekannt ist die wirklich verrückte Frühzeit des späteren Erfolgsschriftstellers. Oskar Graf (damals noch ohne Namenszusatz Maria) hatte das Pech, nach dem frühen Tod seines Vaters unter die Fittiche seines grausamen älteren Bruders Max zu geraten. Er musste in dessen Bäckerei in Berg arbeiten und wurde fürchterlich verprügelt. Vor diesen Misshandlungen floh er nach München, wo der wenig erfolgreiche Jungschriftsteller Kontakte mit der Schwabinger Literatenszene knüpfte, ehe dann der Erste Weltkrieg auch über ihn hereinbrach. Im Dezember 1914 wurde Graf eingezogen. Er diente in der bayerischen Eisenbahntruppe als „Trainfahrer“, das heißt Fahrer im Transportwesen, in Ostpreußen und Litauen.

Dass Graf ein guter Soldat gewesen ist, wäre glatt gelogen. Wie man seinem Buch „Wir sind Gefangene“ entnehmen kann, drückte sich der angehende Schriftsteller, wo es nur ging und kam oft in Arrest. Der Rest bestand aus Saufen. Befehle hintertrieb Graf, wo er konnte – glaubt man seinen Schilderungen. Nach einer dieser Orgien „bezweifelte der Major zum ersten Mal meine geistige Zurechnungsfähigkeit“. Bald landete er in einer Anstalt in Brandenburg.

„Im Tagessaal bestürmten mich alle mit Fragen nach meiner Krankheit. ,Ich weiß nicht, der Doktor weiß es‘, gab ich zur Antwort. Da – was hatten denn die Kranken, daß sie so um mein Bettende standen und immer auf eine Stelle starrten? Ich ging heran, und jetzt erst bemerkte ich meine Fiebertafel. Hinter dem gedruckten Wort Diagnose stand frisch mit Tinte geschrieben: ,Idiot‘ und ein Fragezeichen war dahinter.“

Danach kam Graf in das Reserve-Lazarett Haar, wo er am 16. April 1916 eintraf. Die Leiterin der Münchner Monacensia, Elisabeth Tworek, hat in einem Sammelband („Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann“, Pustet Verlag) kürzlich Auszüge aus der Krankenakte des Patienten Graf veröffentlicht. Das Dokument liegt im Archiv des Bezirks Oberbayern, dem das heutige Bezirkskrankenhaus Haar untersteht. Auf dem Krankenblatt verzeichneten die Ärzte den Befund: Hysterie.

Ausriss aus der Krankenakte von Oskar Maria Graf.

In „Wir sind Gefangene“ schildert Graf auf wenigen Seiten seine Zeit in Haar:

„Meine Umgebung war etwas friedlicher hier. Einer führte den ganzen Tag Krieg und erklärte jedem die Lage der Schützengräben, den Stand der Truppen, schimpfte auf uns ,Etappenschweine‘ und gab gelegentlich dem Geistlichen oder einem Wärter eine Ohrfeige. Dann gab es Dauerbad auf der ,schweren Station‘.“

Bis heute ist nicht ganz klar, wie ernst Grafs Erkrankung wirklich war. „Er hat diese Episode in der dritten Auflage des ,Lebens meiner Mutter‘ als Simulation einer Kriegsneurose dargestellt“, schreibt der Germanist Waldemar Fromm in einer soeben erschienenen profunden Kurzbiografie Grafs (Pustet Verlag). „Gleichwohl gibt es Gründe anzunehmen, dass die Sache ernsthafter verlaufen ist als seine Darstellung nahelegt.“ Ein reiner Simulant war er wohl nicht, jedenfalls stellte er sich in „Wir sind Gefangene“ nicht so dar. Angehörige, die ihn besuchten, waren etwas entsetzt über den Zustand des 22-Jährigen:

„Sie wussten nichts mit mir anzufangen und fuhren bedrückt wieder ab.“

Die Ärzte mühten sich redlich, Grafs Zustand zu bessern, wie sich der vierseitigen Krankenakte entnehmen lässt. Als er Mitte April 1916 ankam, wurde er als „ruhig, geordnet, freundlich, zugänglich“ geschildert, wie es in der Krankenakte heißt. Allerdings spreche er „stotternd und stoßweise“ und lache „in kindlicher Weise laut auf“.

Spätere Einträge klangen wenig verheißungsvoll: „wechselnd in der Stimmung, empfindlich gegen äußere Reize“ hieß es da, oder: „grübelt über allerlei philosophische und psychologische Probleme nach“. Interessant ist eine Einschätzung vom 14. Mai:

„Graf hat sich viel mit Literatur beschäftigt, Strin(d)berg und Turgenjeff stellt er besonders hoch, da es ihm an Vorbildung fehlt und an Schulung des Denkens, operiert er mit unklaren & verschwommenen Begriffen, wodurch er verschroben wird.“

Acht Monate verbrachte Graf in Haar. Nach verschiedenen Urlauben wurde er schließlich am 4. Dezember 1916 als „dienstunbrauchbar“ entlassen. Graf stürzte sich nun erneut in Literaturdinge – und in die Politik. Als Kurt Eisner am 7. November 1918 auf der Theresienwiese die Revolution herbeiredete und danach zu den Münchner Garnisonen zog, war auch Graf dabei. 

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