Am Abend das letzte Hemd geben

Neuheiten auf dem CD-Markt: - Das Freiburger Barockorchester feiert heuer seinen 20. Geburtstag. Dank der enorm temperamentvollen Interpretationen gilt es als eine der heißesten Gruppen, die auf CD oder im Konzertsaal zu hören sind. Einen Chefdirigenten gibt es nicht, dafür die Konzertmeister Petra Müllejans und Gottfried von der Goltz. Letzterer äußerte sich im Interview über sein Ensemble.

Ein Sänger findet irgendwann zu seiner Stimme. Wann fanden Sie zu Ihrem "Ton"?

Wir strebten schon immer eine ganz besondere Intensität des Musizierens an. Und wir feilen nach wie vor gern am Endprodukt herum. Dadurch entsteht im Orchester eine positive Reibung. Eigentlich sind wir ja ein geborenes Konzertorchester, das am Abend sein letztes Hemd gibt. Wie man mit CD-Produktionen umgeht, mussten wir erst lernen.

Sie rühmen sich Ihrer "demokratischen Struktur". Verloren Sie anfangs zu viel Zeit bei der Kompromissfindung?

Ja. Da unterschieden wir uns zum Beispiel von den englischen Gruppen, bei denen funktioniert es von der ersten Probe an. Bei uns hat schon jeder sein eigenes Ausdrucksbedürfnis, das alles musste und muss immer erst koordiniert werden - auch wenn sich inzwischen sicherlich Hierarchien herausgebildet haben.

Ist es manchen nicht sogar lieber, wenn einer sagt, wo‘s langgeht?

Ich habe von Anfang an gerne Führung und Verantwortung übernommen - und musste da natürlich erst reinwachsen. Doch es geht nicht darum, eine derartige Position mit Händen und Füßen zu verteidigen, sondern Inspiration und Impulse zu vermitteln. Grundsätzlich war für uns immer wichtig, musikalischer Routine zu entkommen. Wir sind ja kein Repertoire-Orchester. Die ständigen neuen Programmkonzepte sind eine Art innerer Quell für uns.

Warum gab es erst so spät deutsche Barock-Ensembles?

Kann ich nicht sagen. Komischerweise starteten unser Barockorchester und zum Beispiel Concerto Köln zur selben Zeit und mit einer ähnlichen, selbstverwalteten Struktur. Wir Freiburger kannten uns alle aus dem Studium und hatten keine großen Finanzierungsprobleme. Wahrscheinlich weil wir mittellose Studenten waren . . .

Ist Ihre CD mit Uraufführungen der Versuch, aus der Barock-Schublade herauszukommen?

Es gab eine Anfrage. Und wir waren skeptisch: Können wir das überhaupt ohne Dirigent? Wir haben dann zugesagt, ohne eigentlich zu wissen, auf was wir uns einlassen. Wir mussten da einfach durch. Und haben gelernt, zum Beispiel richtig zu zählen (lacht) oder andere Bogentechniken zu beherrschen. Diese Grenzerfahrung war schon spannend.

Und wo liegen Ihre Grenzen?

Ich will vermeiden, in einer Repertoireschiene zu landen. Also da mal Bachs Brandenburgische Konzerte, dann dort ein Händel-Concerto-grosso und so weiter. Dann wären wir auf dem absteigenden Ast. Aber wenn wir wie jetzt ein Concerto grosso von Corelli mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment zusammen spielen, entsteht daraus was völlig Neues - durch die Besetzungsgröße und durch die Auseinandersetzung mit einem anderen musikalischen Zugang.

René Jacobs arbeitet oft mit Ihnen. Wie schwer ist es, von einem Dirgenten etwas anzunehmen?

Das ist sicher nicht so einfach. Der Dirigent muss schon gut zu uns passen. Ivor Bolton oder Trevor Pinnock standen bei uns bereits am Pult. Und René Jacobs arbeitet mit Petra Müllejans, die bei ihm immer Konzertmeisterin ist, sehr gut zusammen. Es geht da weniger um Schlagtechnik, der Dirigent muss einfach den Nerv unseres Ensembles treffen. Und wir wiederum dürfen uns nicht selbstständig machen.

Immer mehr große Symphonieorchester holen sich Dirigenten der Barockszene. Schlagen diese Ensembles jetzt zurück?

Diese Orchester haben bestimmt auch Absatzprobleme. Sie merken, dass es nicht so einfach ist, Mozart, barocke Suiten oder Passionen in ihren Zyklen anzubieten. Aber mit Experten wie William Christie oder Thomas Hengelbrock sieht das gleich wieder anders aus. Zumal, und das ist ja das Lohnende für diese Orchester, dann eine viel differenziertere Interpretation möglich ist.

Aber gibt es da keine Gefahr eines Dogmas? Christian Thielemann meinte mal, wenn er eine Matthäus-Passion dirigieren würde, müsste er sich harsche Kritik anhören.

Manche Dirigenten haben sich mit ihrer Repertoire-Auswahl von Brahms bis Wagner ja selber in ein ganz bestimmtes Segment manövriert. Mit Michael Gielen habe ich in Freiburg mal eine Matthäus-Passion gemacht, das war die schnellste meines Lebens. Ein differenzierter Zugang zum Stück und zu seinem theologischen Inhalt fehlte mir aber. Sollte der vorhanden sein, dann begrüße ich durchaus, dass sich auch andere Dirigenten mit dem Repertoire auseinandersetzen.

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