Ein Abend der Nasen

- Die unsichtbaren Spuren von Parfums und Rasierwassern durchzogen wie gewöhnlich das Theater, auch ein Hauch von Ölfarbe wehte gelegentlich von der Bühne herauf, doch deutlicher als sonst erschienen diesmal die Duftmarken, die simple Textilien setzten, der Tascheninhalt der Sitznachbarin, ihr Hustenbonbon und Haarspray. Das Prinzregententheater öffnete dem Publikum am Freitag nicht nur Ohren und Augen, sondern auch die Nasen. Selbst Patrick Süskinds Erfolgsbuch "Das Parfum", aus dem an diesem von Carpe Artem veranstalteten Abend vorgelesen wurde, hätte das sonst häufig im Unbewussten agierende Sinnesorgan nicht derart zu sensibilisieren vermocht. Wäre da nicht Thomas Holtzmann gewesen, der die Geschichte der feinnasigen Bestie Grenouille vortrug.

<P>Ein glücklicheres Zusammentreffen ist fast nicht vorstellbar: dieser Kosmos der Gerüche, selbst bei einem Meister wie Süskind nur behelfsmäßig in Worte gepresst, widergespiegelt in diesem Universum der Färbungen und Schwingungen von Holtzmanns Stimme, der mit ihr scheinbar ganze Akkorde bilden kann. Beschreibt er die Liebe des Geruchsgenies zum Duft eines der ermordeten Mädchen, intoniert er Zartheit und Drohung zugleich. </P><P>Ohne große Verstellung wird sein Tonfall zu dem des Gnoms. Wie ein Raubtier auf der Lauer, kurz vor dem Sprung, ist Holtzmanns Körper angespannt. Wenn er nur sitzt und liest, spielt er schon. Lässt eine Hand tremolieren und die Mundwinkel Verzierungen ausführen. Daneben verblassen selbst die blumigen Videofilmchen von zartrosa Pariserinnen, die dem Vorleser immerhin ein paar kleine Pausen bescheren.<BR><BR></P>

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