Ein Abend der Sänger

- Immerhin ist es die einschneidendste Szene der "Walküre", ja der ganzen Tetralogie: Wotans Gespräch mit der Tochter, das Sich-Bewusstmachen einer gescheiterten Politik, die aufkeimende Macht- und Mutlosigkeit, gipfelnd im doppelten Verzweiflungsschrei: "Das Ende", will der Göttervater. Ein zentraler Moment. Und zugleich zentrales Problem von Jürgen Flimms Bayreuther "Ring des Nibelungen".

<P>Wo Welt-Entwürfe kippen, servieren er, Bühnenbildner Erich Wonder und Florence von Gerkan (Kostüme) nur Unzulängliches - cholerische Anfälle zwischen Aktenschredder, Laptop und schwarzlederner Sitzgarnitur.</P><P>Dabei hat diese "Walküre" sonst, zu erleben in der Festspiel-Wiederaufnahme, Qualitäten. Flimm/ Wonder argumentieren nicht mit unsinnlichen Konzepten, sondern mit zutiefst menschlichen, authentischen Charakterzeichnungen in einprägsamen Bildern: die Tschechow-Atmosphäre des ersten Akts, das berührende, erotische Initiationsritual Brünnhildes an Siegmund in der "Todverkündigung" und der stählerne Monolith als Walkürenfelsen, in dem die "Wunschmädchen" exerzieren und der sich später um die Titelheldin schließen wird.</P><P>Flimms "Walküre" bleibt daher, und das unterscheidet sie von Claus Guths neuem Bayreuther "Holländer", kein Abend des faszinierenden Theoriegebäudes, sondern ein Abend der Sänger. Und die nutzen das, bereitwilliger, lockerer als in den Jahren zuvor. Besonders Alan Titus (Wotan), derzeit in der Form seines Lebens. Wie er vom gut gelaunten Firmenboss zum fatalistischen Mann in Schwarz mutiert, der sich nur tief betroffen von der Tochter löst, ist eindrücklich gespielt - und glänzend, sehr plastisch und konditionsstark gesungen.</P><P>Visitenkarte für Isolde</P><P>Natürlich funktioniert der erste, sich aufgipfelnde "Walküre"-Akt fast immer. Doch wann treffen schon zwei Sänger wie Violeta Urmana (Sieglinde) und Robert Dean Smith (Siegmund) aufeinander, die perfekte Technik mit Textgenauigkeit, Schönheit des Materials mit dramatischem Ausdruckswillen verbinden? Die den Hörer in der seltenen Gewissheit wiegen: Bei diesem Duo kann eigentlich nichts schief gehen? Vor allem die Urmana gibt mit vollblütigem, klug manövriertem Heroinenton eine Visitenkarte ab: Welch Jammer, wäre sie Anno 2005 nicht Bayreuths Isolde.</P><P>Das hervorragende Ensemble ergänzen Philip Kang (Hunding) als einschüchterndes Raubein und Mihoko Fujimura (Fricka), die sich auf die Wirkung ihres großen, dunklen Mezzos verlässt. Evelyn Herlitzius bleibt in ihrem quirligen, sportiven Spiel eine Anti-Brünnhilde. Ihr gläserner Sopran mag im Forte flackern, auch zuweilen übers Ziel hinausschießen. Dafür wagt sie heuer mehr Piano-Momente, überzeugt sie mit glaubhafter, nie künstelnder Darstellung.</P><P>Der Überschwang von Adam Fischers erstem "Ring"-Jahr, als er für den verstorbenen Giuseppe Sinopoli einsprang, scheint verflogen. Fischer dirigiert zwar kundig, bescheidet sich aber mit der Rolle des braven, in Zeitlupen-Tempi verliebten Sekundanten: Profil und klangliche Prägnanz reicht er hoffentlich in den restlichen "Ring"-Teilen nach, das Publikum reagierte jedenfalls wohlwollend. Noch.<BR></P>

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