Am Abend wird frei erfunden

- Brigitte Kronauer konnte schon früh beeindruckend und für sich einnehmend schreiben. Das zeigte sich ausgerechnet in den Naturwissenschaften, was nur vordergründig ein wenig merkwürdig anmutet: "Ich habe in der Schule von den Naturwissenschaften wenig Ahnung gehabt. Aber mit meinen Umschreibungen, mit denen ich etwa einen physikalischen Versuch auffütterte, konnte ich trotzdem irgendwie glänzen." Jetzt glänzt die in Hamburg eher zurückgezogen lebende Schriftstellerin als Trägerin des hoch angesehenen Georg-Büchner-Preises, den ihr die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung morgen in Darmstadt überreicht. Eine Ehrung, die ihr längst gebührt, da sind sich alle einig.

Trotz ihrer offensichtlichen Begabung und ihres bereits als Jugendliche gehegten Wunsches, Schriftstellerin zu werden, ließ sich die schmale, große, blonde Frau Zeit. 1940 wurde sie in Essen geboren, bis 1971 arbeitete sie als Lehrerin. In den 70er-Jahren veröffentlichte sie Prosastücke in kleineren Verlagen, bis sie 1980 mit ihrem ersten Roman, "Frau Mühlenbeck im Gehäus", den Durchbruch schaffte. Seitdem gilt sie als eine der herausragenden deutschen Erzählerinnen. Aber sie schrieb "nicht gerade Bestseller-Literatur", wie sie selbst sagt. Trotzdem hielt der Verlag Klett-Cotta ihr in all der Zeit die Treue, das zu erwähnen ist Kronauer wichtig in diesem Moment, wo sie im Rampenlicht des Büchner-Preises steht und über seine Bedeutung nachdenkt.

"Büchner war für mich eine Provokation."

Brigitte Kronauer

 "Büchner war für mich eine Provokation: Er hatte so große Sachen geschrieben, als er 23-jährig starb. Und er hatte, von damals aus betrachtet, nur sechs Jahre mehr Zeit als ich. Er hatte dieses revolutionäre Feuer und Engagement und schrieb eine kompromisslos künstlerische Sprache. Machte keine Zugeständnisse an den Kunstcharakter der Literatur. Dass er das in seinem Alter beherrschte, bewundere ich."

Wenn die Schriftstellerin, die in Heidelberg und Zürich Poetikdozenturen innehatte, morgen ihre Dankesrede hält, wird diese durchaus etwas Poetologisch-Programmatisches beinhalten, so viel verrät Kronauer schon. Und: "Wenn man sich mit etwas beschäftigt, arbeitet man entweder das Trennende heraus oder das, was man damit gemeinsam hat. Im Falle von Büchner wird Letzteres der Fall sein."

Zu dem, was man so Vorbilder nennt, zählt Büchner für Kronauer nicht. Aber sie wehrt sich ohnehin gegen Einordnungen dieser Art. Die Reihe der Autoren, die Brigitte Kronauer inspirieren, schwankt. "Wenn ich etwas wieder lese, dann auch mal nur eine oder zwei Seiten, um in der Welt des Autors und in seinem Stil zu sein. Aus dieser reduzierten Lektüre schöpfe ich Kraft." Und die braucht sie auch, erst recht jetzt, wo ihr Gesicht bekannt geworden ist und sie weniger zum Schreiben kommt. Aber auch sonst, "denn der eigentliche Gegner ist doch immer die Arbeit am eigenen Text".

Was bei Kronauer bedeutet, dass sie am Morgen nur Korrekturen anbringt, das Handwerklich-Technische ausführt. "Am Nachmittag und Abend erst gelingt mir das sozusagen freie Erfinden." Entwürfe, frühere Textstadien wirft Kronauer entschlossen in den Papierkorb: "Ich möchte die Unvollkommenheiten nicht in meinem Zimmer hängen haben. Wichtig ist mir das Endprodukt, das möglichst gut sein soll."

Perfektionistin ist Kronauer auch, was den Einfluss ihrer Familie oder des Lektors betrifft: "Erst wenn der Text abgeschlossen ist, bin ich offen für Kritik. Das ist eine Tradition, und es wäre dumm sie zu brechen", sagt Kronauer bestimmt. Genauso bestimmt hat sie sich gegen einen "Reader" gewehrt - "ein unsympathischer Begriff" -, der anlässlich des Büchner-Preises bei Klett-Cotta erschienen ist. Mit dem "Einlesebuch", wie er jetzt heißt, ist sie allerdings einverstanden. Es enthält neben Auszügen aus ihrem Werk auch Interviews und Selbstdarstellungen.

Brigitte Kronauer: "Feuer und Skepsis. Einlesebuch". Hrsg. von Elisabeth Binder. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 220 Seiten; 16 Euro.

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