Dem Abendland noch eine Chance geben

- "Natürlich frage ich mich, wie ich, schreibend, andere, produktive Bedürfnisse entwickeln helfen kann, die nur in innerlich unabhängigen, kritisch denkenden und verantwortlich handelnden Menschen entstehen." 1987, noch erahnte keiner die Wende, formulierte Christa Wolf bei der Dankesrede zur Verleihung des Münchner Geschwister-Scholl-Preises einen der Schwerpunkte ihres Dichtens. "Für mich ist dieses neue Denken in seinem Kern nicht ökonomisch-technisch-militärisches, überhaupt nicht pragmatisches Denken, sondern eine Aufforderung, den Zielen und Werten dieser Kultur noch einmal gründlich nachzufragen, durch ein geistig-ethisches Konzept diesem Abendland noch eine Chance zu geben."

<P>Die Schriftstellerin Christa Wolf, die heute ihren 75. Geburtstag feiert, wurde von zwei Diktaturen geprägt. Die Nazizeit erlebte sie als Kind, das dann in einen Staat hineinwuchs, der sich dezidiert "antifaschistisch" gab. Der sich aber gerade deswegen nie mit der Schuld auseinander gesetzt hatte - und der selbst faschistoide Züge trug. Wolf, in jungen Jahren von der Hoffnungsbotschaft des Kommunismus angetan, blieb der DDR mit einer Art verzweifelten Treue verbunden. Erst 1989 trat sie aus der SED aus. Über die Jahrzehnte wurde die Dichterin nicht nur zu einer Klassikerin der deutschen Literatur, die immer wieder für den Nobelpreis ins Gespräch gebrachte wurde, sondern auch zu einer moralischen Instanz. Die Westdeutschen hoben sie als Standbild des Widerstands auf ein Podest.</P><P>"Den Prozess, den ich gegen mich eröffnet habe, muss ich ohne Beistand führen." Christa Wolf</P><P>Nach der Wende musste die Künstlerin dann erleben, mit welch genüsslicher Häme dieses Podest ausgehöhlt wurde durch IM-Enttarnungen. Mit "Akteneinsicht Christa Wolf" ging sie in die Offensive, aber ein "wunder, ein dunkler Punkt" bleibe: "Den Prozess, den ich gegen mich eröffnet habe, muss ich ohne Beistand führen." <BR><BR>Jetzt scheint nach all dem deutsch-deutschen Wundenlecken, den Empfindlichkeiten und Turbulenzen Normalität eingekehrt zu sein. Die schöpferische Person Christa Wolf tritt wieder in den Vordergrund. Und man genießt ihre großartige Literatur wie in "Leibhaftig", der vor zwei Jahren erschienenen Erzählung über einen Krankenhausaufenthalt. Präzise wie eine Zeichnung, nüchtern, humorvoll und doch vor keiner Leibesqual zurückschreckend - so präsentierte sich Wolfs Kunst auf beeindruckender Höhe. Und wieder ist es das Leid, das die Menschen in der Geschichte erfahren haben, das die Autorin packt. Sie will zeigen, dass es nicht vergangen ist, weil es vergessen wurde. Im Gegenteil: Es bleibt, weil es vergessen wird.<BR><BR>Christa Wolf wurde am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe (heute in Polen) geboren. 1945 kam sie nach Mecklenburg. 1949 Abitur und Eintritt in die SED. Sie studierte Germanistik, wurde Lektorin. Seit 1962 lebt sie als freie Schriftstellerin. Mit dem "Geteilten Himmel" (1963) fand sie erstmals größere Aufmerksamkeit, "Nachdenken über Christa T." (1968) zeigte dann deutlich die literarische Zielrichtung, stets sehr persönlich zu sein und zugleich ganz und gar politisch. Außerdem wird die Rolle der Frau in einer männerdominierten Welt reflektiert. "Kassandra" (1983) und "Medea" (1996) gingen bis in den Mythos zurück, um ins Heute zu zielen; "Kein Ort. Nirgends" (1979) - mittlerweile sprichwörtlich geworden - in die Romantik.<BR><BR>Ob Antike oder Gegenwart, ob Hinwendung oder Abneigung - Christa Wolf hat immer genau und aus der Nähe hingeschaut, aber zugleich immer nachdenkliche Distanz gewahrt.</P><P> </P><P> </P>

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