Abends zu viert in der Disco

- "Das Leben ist nicht erzählbar . . . und es ist höchst merkwürdig, dass die Menschen sämtlicher Jahrhunderte, die uns bekannt sind, damit zugebracht haben . . ." Mit solchen Worten thematisiert Javier Marías in seinem neuesten Buch "Tanz und Traum" eines seiner Hauptmotive: die Unmöglichkeit des Erzählens.

Nach "Fieber und Lanze" ist "Tanz und Traum" der zweite Teil seiner Trilogie "Dein Gesicht morgen". Sie spielt im Milieu des britischen Geheimdienstes. Wer nun aber Spannung und Action à la James Bond erwartet, wird bitter enttäuscht. Marías erzählt fast nichts - wenigstens keine klare Geschichte. Die Hauptfigur, der Ich-Erzähler, hat die Gabe, das Gesicht seines Gegenübers in der Zukunft zu sehen und zu wissen, ob er loyal sein oder Verrat üben wird. Leider spielt dieses besondere Talent des Helden im zweiten Teil der Trilogie aber keine tragende Rolle.

Wie schon der erste Teil so arbeitet auch der zweite mit einer gewaltigen Zeitdehnung. Erzählt wird die Geschichte eines Abends zu viert in der Disco. Der Ich-Erzähler Jacobo oder Jago oder Jack oder Jacomo oder auch Jaime Deza arbeitet im Auftrag seines Chefs Tupra, der an diesem Abend Reresby genannt werden will. Beide führen ein italienisches Ehepaar zum Essen und Tanzen aus. Vielleicht stammt dieses aus dem Vatikanstaat, vielleicht aber auch aus Süditalien. Während der Ich-Erzähler die Ehefrau Flavia unterhalten und ablenken soll, will Tupra/Reresby mit ihrem Mann Geschäfte machen oder ihn zur Preisgabe einer Information bewegen. Als ein Freund des Ich-Erzählers der schönen Flavia unanständige Avancen macht, wird er von Tupra/Reresby auf der Behindertentoilette des Lokals zur Räson gebracht. Das heißt, erst mit Kokain abgefüllt, dann nach allen Regeln der Kunst zusammengeschlagen und mit dem Schwert bedroht.

Geschwätziges Buch über Zeit, Gewalt und Angst

Diese simple Geschichte nimmt bei Marí´as einen Raum von über 400 Seiten ein. Das bedeutet, die Story ist nicht in sich geschlossen. Sie wird an manchen Punkten wiederholt, neu aufgenommen, aus einer anderen Perspektive erzählt oder variiert. Und sie wird immer wieder durchbrochen von Reflexionen über Sprache, Geschichte und Literatur. Marí´as folgt seiner assoziativen Erzählweise: Für ihn ist der Tod des britischen Dramatikers Christopher Marlowe ebenso ein stets gegenwärtiges Zeichen für Gewalt und Angst wie für seinen Chef Tupra der Fall Konstantinopels im Jahr 1453. Immer wieder verbindet sich somit die Vergangenheit mit der Erzählgegenwart, für die der Roman drei wichtige Themen anbietet: die Zeit, die Gewalt und die Angst. Dazu kommt die Unsicherheit des Erzählens. Das beginnt mit der schwankenden Identität der Hauptfiguren und ihrer Namensvielfalt, und es endet bei einer völligen Unsicherheit des Erzählten, denn ob Flavias Verehrer am Ende doch noch ermordet worden ist, wird erst der dritte Teil der Trilogie zeigen.

Das Ganze ist ein sehr geschwätziges Buch. Marí´as ist verliebt in die Sprache, in den Klang der Worte und in die Assoziationen und Gedankenfluten, die diese mit sich bringen. So enthält der Roman wenig Struktur, viele Wiederholungen und verliert seine melodische Klangschönheit ein wenig in der deutschen Übersetzung.

Javier Marías: "Dein Gesicht morgen" 2. Band: "Tanz und Traum". Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 430 Seiten; 23,50 Euro. Ab morgen im Handel.

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