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Thomas J. Mayer, hier im Gespräch mit Musikredakteur Markus Thiel (l.), ersetzt Juha Uusitalo als Wotan.

Ins Abenteuer geworfen

München - „Walküre“ an der Staatsoper: Thomas J. Mayer, der neue Wotan, spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über Strategien als Einspringer und seine Partie.

Schon wieder musste im „Ring“ der Bayerischen Staatsoper eine Hauptrolle umbesetzt werden. Traf es in der „Rheingold“-Premiere den Alberich, ersetzt nun Thomas J. Mayer in der „Walküre“ und im „Siegfried“ den erkrankten Juha Uusitalo als Wotan. Der Deutsche ist Spezialist für Heldenbaritonales, war in Basel und Hamburg im Festengagement – und bereits einige Male in München zu hören.

An welchem Punkt der Probenphase kamen Sie dazu? Können Sie die Rolle noch auf sich münzen?

Ja, ich habe dafür wirklich einige Tage Zeit. Ich habe schon Kurzfristigeres erlebt. In Paris, Hamburg und Essen bin ich am Tag der „Walküren“-Premiere eingesprungen. Das ist Adrenalin pur. Andreas Kriegenburgs Konzept ist hier zwar sehr personenspezifisch. Aber da ich den Wotan oft gemacht habe, genügen mir einige Hinweise, die ich dann schnell umsetze. Ich mag es, wenn es Handlungsspielraum auch innerhalb der Vorstellung gibt. Das ist bei Kriegenburg möglich. Letztlich ist es egal, was man im Einzelnen tut: Das innere Empfinden für diese Figur läuft immer auf das Gleiche hinaus.

Ist er Ihnen sympathisch? Haben Sie Mitleid mit ihm?

Mit dem Regisseur oder mit Wotan?

Klären wir erst mal Letzteres...

Nach sieben Inszenierungen und 40 „Walküre“-Wotanen wäre es seltsam, wenn ich nicht eine gewisse Sympathie hegen würde. Leider habe ich noch keinen Ausweg gefunden, wie man den armen Kerl oder die ganze „Ring“-Welt erlösen könnte. Das berührt Fragen des Menschseins. Im Endeffekt hat die Welt keinen Sinn – es sei denn, man gibt ihr einen. Das ist das Problem, in das Wotan sich verstrickt hat. Wagner war ja Buddhist. Wotan ist nicht nur der Machtbesessene, der über Leichen geht, sondern auch der Empfindsame. Eine ganzheitliche Sicht. Männliches und weibliches Prinzip in einem.

Wenn Sie an Ihren ersten „Walküren“-Wotan denken: War Ihnen damals schon klar, dass Ihnen die Rolle steht?

2005 in Karlsruhe war das. Aber ich wusste das schon, als ich anfing zu studieren. Wotan war immer der absolute Traum. Die „Walküre“ habe ich während meines Studiums erstmals gehört. Da war ich so fasziniert von Wotans Abschied, dass ich das sofort singen wollte. Meine Lehrerin schlug die Hände überm Kopf zusammen. 2002 und 2003 kam dann die erste Wotan-Anfrage. Und da habe ich mich ins Abenteuer geworfen. Ich wusste immer, warum mir diese Musik gefällt, was sie in mir auslöst. Und dass es viele Parallelen zu mir gibt.

Die wären...?

Na, das muss man jetzt nicht so öffentlich sagen... (Lacht.)

Sie haben einige Studienfächer hinter sich gelassen, bis es in den Beruf Gesang ging. Eine bewusste Suche?

Dass ich Sänger werden wollte, war mir anfangs nicht ganz klar. Ich habe Geschichte und Philosophie auf Lehramt studiert. Dann noch ein bisschen Germanistik und Musik. Im Herzen war ich aber immer Musiker und wollte auch Musik noch als Lehramt in Angriff nehmen.

Sie könnten also jetzt als Lehrer einsteigen.

Genau. Durch eine göttliche Fügung habe ich aber in einer Gesangsprüfungskommission eine Lehrerin getroffen, das war quasi Liebe auf den ersten Blick. Sie empfahl mir relativ bald, dass ich auf die Opernbühne soll. Bühnenerfahrung hatte ich ja schon, und zwar als Popmusiker. Für mich war die Entwicklung okay. In einem Lehrerpraktikum an einer Schule habe ich nämlich gemerkt: Das ist nicht das Meinige.

Wobei das auch eine Bühne ist.

Aber da war ich irgendwie zu ausgesetzt. Das Opernpublikum ist zumindest während der Zeit, in der ich singe, ruhig. In einer Klasse ist das anders. Autorität als Machtmittel ist nicht mein Ding. Ich übe sie dagegen gern als Wotan aus. Und deshalb verstehe ich auch seine gescheiterte Autorität so gut.

Da Sie dermaßen häufig einspringen: Klebt Ihnen schon ein imaginärer Spruch auf der Stirn à la „Mit dem kann man das machen“?

Genau. Bis jetzt hat’s auch immer funktioniert. Und was ich nachts im Bett schweißnass an Panik ausbade, das muss ja keiner mitkriegen. (Lacht.) Außerdem: So viel Probenzeit wie jetzt in München hatte ich seit sieben Jahren nicht mehr!

Und wie oft haben Sie selbst abgesagt?

In meinen fast 16 Jahren Sängerleben dreimal. Letztes Jahr hatte ich einen Herzinfarkt, zehn Tage danach stand ich wieder auf der Bühne.

Schon leichtsinnig...

Ich war in der Reha fünf Wochen in Salzburg und parallel bei den Festspielen im Einsatz als Geisterbote in der „Frau ohne Schatten“. Vor dem Infarkt hatte ich einen viel zu hohen Cholesterinspiegel. Und nach diesem Einschnitt musste ich mir beweisen, dass ich es wieder schaffe. Ein psychisches Problem, da man körperlich bald wieder auf dem Damm ist – wenn man keine größeren Operationen oder eine ständige Insuffizienz durchmachen muss. Das war bei mir nicht so, mir wurden lediglich zwei Stents eingesetzt. Durch die Arbeit bekam ich die Bestätigung, dass mir das nichts anhaben kann. Und dass mein größter Feind ich selbst bin, wenn ich etwa meine Ernährung nicht umstelle. Fragen Sie nicht, was meine Frau oder meine Kollegen von der Sache gehalten haben. Für mich war aber klar: Ich muss wieder in die Bahn kommen. Und ich habe es geschafft.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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