Abenteuer des Grafen von Monte Christo

München - Eine Rock-Oper - das hat Seltensheitswert in Münchens subventionierten Musentempeln. An diesem Freitag, 11. April, kommt im Staatstheater am Gärtnerplatz "ChristO" heraus - von und mit Holger Hauer. Wie ein Probenbesuch wenige Tage vor der Premiere zeigt: noch immer eine Herausforderung für das gesamte Haus.

"Sowas nennt man Multitasking", verkündet Holger Hauer (44) gut gelaunt, als er von der Bühne über den Orchestergraben balanciert und zurück in den Zuschauerraum zu seinem Regiepult stakst. Gar nicht so einfach auf den gut dreißig Zentimeter hohen Plateausohlen, die er als ärgster Widersacher des Grafen von Monte Christo, Fernand Mondego, trägt und die ihm nun erst einmal wieder von den Füßen geschnürt werden müssen. Für die Rockoper "ChristO", die an diesem Freitag (19.30 Uhr) im Staatstheater am Gärtnerplatz uraufgeführt wird, gibt der Mann alles, was er kann: Holger Hauer ist Autor, Regisseur und Schauspieler samt Rockröhre.

Noch sind es einige Tage bis zur Premiere, es fehlen die Kostüme und die aufwändige Lichteinrichtung, doch schon jetzt verspricht "ChristO" eine mächtige, mitreißende Show mit Ohrwurmgarantie - und eine völlig neue Seite des Gärtnerplatztheaters, die vor allem auch ein junges Publikum anlocken soll.

"Ich finde es sehr schade, dass viele junge Leute so eine Schwellenangst vorm Theater haben", meint Hauer. Andererseits sei "ChristO" aber keineswegs nur für junge Leute reizvoll. "Es ist sehr spannendes, großes, episches, zeitgenössisches Theater, und ich glaube, da ist die Bandbreite des Publikums unermesslich."

Die Probenstimmung ist gut, ein bisschen wie vor einem echten Rockkonzert. Der Soundcheck läuft nicht schlecht. Die Tiefen noch ein bisschen hoch geregelt, hier und da den Hall rausnehmen... Und nicht nur der Regisseur kann vor Begeisterung kaum still sitzen bleiben. Als höre er die schmerzvollen Synthesizer-Schreie, mysteriösen Balladen, harten, spannungsgeladenen Beats und einsamen Gitarrenriffs zum ersten Mal. Der starke, affektgeladene Soundtrack zur Produktion stammt von der deutschen Progressive Rockband Vanden Plas. Die musikalische Leitung hat Keyboarder Günter Werno, der mit der Band im Orchestergraben sitzt, während Leadsänger Andy Kuntz - nebenbei Musicaldarsteller, -autor und Produzent mit Pferdeschwanz und Ziegenbärtchen - in der Hauptrolle des Grafen die rostrotgoldenen Schiffsplanken auf der Bühne des filigranen Staatstheaters erschüttert. Ein eindrucksvoller Kontrast.

Bereits im März 2006 brachten Vanden Plas das Album "ChristO" heraus, inspiriert durch den Roman "Der Graf von Monte Christo" (1844-46) von Alexandre Dumas. Doch der eigentliche Initiator für das Musical war Holger Hauer, der vier Jahre zuvor erstmals die Idee verfolgte, aus der berühmten und unheimlich komplexen Kriminal- und Liebesgeschichte eine gruselige Rockoper zu machen. In der Auftragsarbeit von Intendant Ulrich Peters fanden Vanden Plas, Hauer und Dumas nun am Gärtnerplatz wieder zueinander.

Das eigentlich schon fertige Libretto um den unschuldig betrogenen Seemann Edmond Dantès, der nach 21-jähriger Gefangenschaft in einem alten Schiffswrack als Christo hassblind Rache schwört und übt, hat Hauer noch einmal von Grund auf überarbeitet und um die englischsprachigen Songs - "sehr bebilderte Gefühlstexte" - seines alten Freundes Andy Kuntz herum handlungstragend arrangiert. Und obendrein "mit einem ganz großen, neuen Gedanken versehen", der hier noch nicht verraten werden soll. Nur so viel deutet Hauer an: "Ich konzentriere mich sehr auf die Vorstellung, dass da jemand halb dem Wahnsinn verfallen ist, und die Frage: Was verändert das in einem Menschen?" Statt eines "Mantel- und Degen-Musicals mit großem Orchester à la "Die drei Musketiere" wolle er eine ganz andere Form kreieren, "die nicht festlegbar und damit allgemeingültig ist". Und die dem Publikum obendrein noch "einen Augenschmaus" bietet.

Die Inszenierung mit dem relativ kleinen Ensemble aus neun Künstlern - darunter auch Gaststars wie Chris Murray - birgt die geringsten Probleme. Unglaublich zeit- und kraftaufwendig sei hingegen das Drumherum, so Hauer: Bühne, Licht, Ton, Kostüme . . . Doch die Zeit zum Einleuchten etwa sei bei "ChristO" auch nicht länger als bei einer anderen Produktion.

Der störrischste Mitspieler ist bislang wohl noch die pompöse Bühne von Christoph Weyers - ein Fest für die Theatertechnik. Doch die darf sich nicht den kleinsten Fehler in den schwierigen Umbauten erlauben. Sonst könnten manche Stunts am Ende so gefährlich werden, wie sie aussehen.

Eine Herausforderung auch für den Inspizienten. "Bei solchen Proben müssen sich insgesamt sieben, acht Abteilungen miteinander verzahnen", berichtet Hauer, "und das ist wahnsinnig schwierig. Aber es ist auch toll, wenn dann immer wieder etwas Kleines klappt." Seit dem 3. April wird durchgehend geprobt; nur der Sonntag bleibt frei, doch den müssen die Darsteller zum Text-Lernen verwenden. Ein Fünftel seines Originaltextes hat Hauer während der Proben noch verändert. Ein großes Privileg, wenn - wie hier der Fall - der Regisseur sein eigener Autor ist. Bei den Proben legt er großen Wert auf die Schauspielarbeit - die in den meisten Musicals seiner Meinung nach zu kurz kommt. Ansonsten unterscheide sich die Produktion dieser Rockoper aber gar nicht so sehr von anderen Projekten. Außer vielleicht in der aufregenden Uraufführungsstimmung, die sie verbreitet.

Denn: "Man weiß nie, was dabei rauskommt." Oder, wie Dantès' Mitgefangener Faria schon jetzt verspricht: "Es warten viele Geheimnisse auf dem Meer."

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