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Nur mit Stoffhandschuhen anzufassen: Im Münchner Völkerkundemuseum lagern rund 135 000 historische Fotos.

Münchner Völkerkundemuseum 

Abenteuer im Schatz-Archiv

Meistens sind sie häppchenweise zu sehen. Bei dieser Ausstellung fünf Fotos, bei jener zehn. Dabei verfügt das Münchner Völkerkundemuseum über eines der größten Bild-Archive in Deutschland. Historische Dokumente aus den hintersten Ecken der Welt – und verschollene Schätze.

Als die Indianer in München sind, besteht Prinz Ruprecht von Bayern auf ein Foto. Er hinten rechts in Uniform, die Arme militärisch hinterm Rücken verschränkt. Neben und vor ihm fünf andere Bleichgesichter, darunter zwei Damen in feiner Garderobe. Sie schauen genauso trist in die Linse wie Rocky Bear, Yellow Horse und die anderen Häuptlinge. Es ist 1890, auf Fotos wird nicht gelächelt. Sie sind Beweisstücke. Ja, wird sich der Prinz gedacht haben, die Wilden waren hier. Und ich hab’s im Bild. „Einen Tee hätte er mit denen jetzt nicht getrunken“, sagt Anka Krämer. „Obwohl sich die Indianer schon als Delegation verstanden haben.“ Krämer muss es wissen.

Viele Bilder haben seit Jahrzehnten kein Tageslicht gesehen

Als Archivarin im Münchner Völkerkundemuseum hat sie täglich mit alten Aufnahmen zu tun. Das Prinzen-Bild, das im Rahmen der Buffalo Bill Show auf der Theresienwiese entstand, mag zu den kurioseren gehören. Aber wer wollte das bei rund 135 000 Aufnahmen entscheiden? Das Bildarchiv des Museums gehört zu den umfangreichsten in Deutschland. Hier lagern einzigartige Motive aus Asien, Afrika und dem Amazonasgebiet. Allein 66 000 aus der Zeit vor 1945. Viele von ihnen haben seit Jahrzehnten kein Tageslicht gesehen.

Genau hier beginnt Krämers Mission. Mit ihrer Kollegin Karin Guggeis sichtet sie den Riesenbestand, sortiert, dokumentiert, digitalisiert. „Wir ordnen das Chaos“, sagt sie. Und das Chaos ist enorm. In sieben wuchtigen Rollschränken lagern Originalabzüge, Fotomappen, Dias und Glasplättchen, die in der Zeit um die Jahrhundertwende als Negative dienten. Am Ende des Büro-Gangs gibt es einen Raum, in dem nur Objekt-Fotografien aufbewahrt werden. Tempelruinen, rituelle Masken, Arbeitsgeräte. An die Bestände im Keller wollen Krämer und Guggeis noch gar nicht denken.

Dass das Völkerkundemuseum über diese Schätze verfügt, ist Abenteurern wie Lucian Scherman zu verdanken. Er, ehemals Leiter des Museums und von den Nazis 1933 zwangssuspendiert, brachte von seinen Expeditionen massenweise Fotos mit nach München. Außergewöhnlich: die Birma-Reise von 1911. In Holzkästchen aufbewahrt, dokumentieren die Glasplatten das Alltagsleben der Einheimischen, ihre Trachten, ihre Kunstgegenstände. Und sie zeigen, welchen Aufwand es bedeutete, im fernen Asien Fotos zu machen. Kameras mit Holzgehäuse, Dreibeinstative, kistenweise Glasplatten. Das alles musste mit auf den Weg durch Dschungel und Berge. Träger und Pferde schleppten sich krumm. Manchmal umsonst. Von Theodor Koch-Grünberg, Anthropologe und Forschungsreisender, weiß man, dass ihm hier und da mal eine Kiste mit Glasplatten kaputtging. „Teils auch wegen des Klimas“, sagt Krämer. Feuchtigkeit und Hitze lösten die Fotoschicht ab. Einfach so.

Ein Problem, mit dem man im Völkerkundemuseum auch heute kämpft. Die empfindlichen Plättchen lagern bei 40 Prozent Luftfeuchtigkeit und relativ konstanten 20 Grad in Holzkistchen. Peu à peu wollen Krämer und Guggeis sie einscannen. „Retten“, sagt Krämer auch, obwohl sie weiß, dass ein digitales Dokument lange nicht die Qualität des Originals hat. Immerhin: Die Rettungsaktion hat Zeit. 200 Jahre noch, bis die Plättchen blank sind. Vermutlich.

An Nachschub mangelt es nicht. Das Museum bekommt regelmäßig Aufnahmen aus Nachlässen zugeschickt. Krämers Job wird dann zur Schatzsuche. Ein Beispiel: dieser Metallkoffer im Büro der Archivarinnen. Er wirkt wie vom Grund des Ozeans geborgen. Verbeult, rostig. Im Innern sind in Packpapier eingeschlagene und zu Paketen verschnürte Fotos. Der Koffer kommt aus dem Sudan, mehr wissen Krämer und Guggeis nicht. Noch nicht. Meist ist das anders. Im Fall dieses jüngst verstorbenen Professors aus Indien etwa. In seinem Besitz waren 20 Mappen mit Fotografien des deutschen Architekten und Schriftstellers Karl Siegfried Döhring. Über Michaela Appel, die Dritte im Bunde des Bildarchivs, kamen sie nach München, wo jetzt insgesamt 41 Mappen mit Fotomaterial über das China der Jahrhundertwende liegen.

Vor allem Gebäude hatten es Döhring angetan. Tempelruinen, wie sie vor 100 Jahren aussahen. Für die Wissenschaft ist das von Großem Wert. Der Idealfall aber sieht anders aus. „Dann kriegt man einen Menschen mit einem Ding drauf zu sehen“, berichtet Krämer. Wie bei dem jungen Chinesen, den Döhring 1912 fotografierte.

Das Foto hat einen leichten Gelbstich, der an den Farbglanz erinnert, den die Gewänder des kaum Zehnjährigen gehabt haben müssen. Kopfschmuck wie ein Fernsehturm, Schuhe so spitz wie die eines Sultans. Bei dem Bub, der auf einer Art Thron sitzt und von fein gearbeiteten Gefäßen umgeben ist, handelt es sich um das Mitglied einer Königsfamilie. Name, Alter: Fehlanzeige. Döhrings Reisenotizen sind mäßig ergiebig. Lucian Scherman hat sich mit seinen Aufzeichnungen mehr Mühe gemacht. Konnte er auch, denn fotografieren musste seine Frau Christine. „Das war ein Knochenhandwerk“, sagt Krämer. „Der Apparat war schwer, unterm schwarzen Tuch hat man geschwitzt.“ Andererseits hatte der Völkerkundler so fotografischen Zugang zur Welt der Frauen. Wer die birmesische Weiblichkeit kennenlernen möchte, wie sie vor 100 Jahren war, sollte sich mit Schermans Arbeit beschäftigen.

Das wird übrigens bald für jeden möglich sein. Das Völkerkundemuseum arbeitet an einer Ausstellung, die Schermans Bilder motivgleichen Aufnahmen der Kunstfotografin Birgit Neiser gegenüberstellt. Birma, oder Myanmar, damals und heute. Der völkerkundliche Wert der hundert Jahre alten Fotos liegt genau in diesem Abgleich. Im Juni 2013 soll es so weit sein.

Ob und wann die Massen anderer Fotos einmal an die Öffentlichkeit kommen, lässt sich kaum sagen. Eine Budget- und eine Zeitfrage – mit beidem können Krämer und Guggeis nicht verschwenderisch umgehen. Dabei haben diese Bilder nicht ausschließlich historischen Wert. Sie erzählen von dem Abenteuergeist, von der Versessenheit aufs Unentdeckte. Südafrikanische Männer mit futuristischen, korallenhaften Frisuren. Tansanische Kinder bei traditionellen Spielen. Japanische Sumoringer. Ein Hindutempel in Kashmir. Die Motive sind unerschöpflich.

Und irgendwo unter den Bildbergen müssen sie sein, diese Fotos, die der Arzt und Naturforscher Philipp Franz von Siebold einst aus Japan mitbrachte. Sie sind die ältesten im Bestand, datiert auf 1872, aber wohl noch älter. Bisher galten sie als verschollen, untergegangen in den Umzugs- und Zwischenlagerungswirren der beiden Weltkriege. Ob sie sich noch im Bestand befinden, wird sich herausstellen. Langfristig, sehr langfristig, sollen alle Bilder in einer digitalen Datenbank vorliegen. Wie gesagt: 200 Jahre haben die Damen noch.

Marcus Mäckler

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