Aber das Singen ist sauschwer

- Als Sextus im Staatsopern-"Titus" feiert sie Triumphe, an diesem Sonntag, 19 Uhr, schlüpft Vesselina Kasarova in die Rolle der widerspenstigen Isabella. Der Mezzo-Star aus Bulgarien ist Mittelpunkt der konzertanten Aufführung von Rossinis "Italienerin in Algier" (Münchner Gasteig). Marcello Viotti dirigiert das Münchner Rundfunkorchester.

<P>So, wie Sie eben bei der Probe Ihre Arie gesungen haben, scheinen Sie gern zu tanzen. <BR><BR>Kasarova: Es macht einfach Spaß. Musik ist für mich etwas, das ich nach 14 Jahren Karriere noch unglaublich genießen kann. Gerade eine konzertante Aufführung darf nicht steril sein. Aber wenn ich singe, denke ich nicht daran, wie ich wirke. Ich muss nur für mich glaubwürdig sein, dann stimmt auch die Wirkung. <BR><BR>Wie kritisch sind Sie sich selbst gegenüber? <BR><BR>Kasarova: Sehr. Ich glaube, deshalb habe ich vor einiger Zeit auch eine Krise durchlitten. Es kommt selten vor, dass ich nach einer Aufführung sage: Das war alles wunderbar. Mittlerweile habe ich gelernt, meine Fehler und Ausrutscher zu akzeptieren. <BR><BR>Ist die Isabella eine Figur, die Ihnen nahe steht? <BR><BR>Kasarova: Schon. Sie ist eine emanzipierte Frau. Eine Vorstufe zur Carmen. Ich glaube, dass man die "Italienerin" modern inszenieren kann. Ein dankbares Stück für Regisseure - wenn sie nicht zu dumm mit der Musik umgehen. <BR><BR>Das heißt? <BR><BR>Kasarova: Es darf nie gegen die Musik und ihren Rhythmus gehen. Ich singe gern in unkonventionellen Inszenierungen - so lange nicht verlangt wird, dass ich nackt bin. Die Anforderungen an uns Sänger sind gewachsen, wir müssen immer mehr auch Schauspieler sein. Zum Glück haben wir von der jüngeren Generation das auch geschafft. <BR><BR>Wie ist das bei Hosenrollen? Spielen Sie bewusst einen Mann? <BR><BR>Kasarova: Nein, es muss ja zu mir passen. Sicherlich beobachte ich männliche Gesten, wandle sie aber für meine Person um. Es darf nicht wie ein Tick aussehen. Ein englischer Kritiker schrieb einmal, ich würde mir Einiges von Arnold Schwarzenegger abschauen. Stimmt nicht. Wenn schon kopieren, dann Woody Allen. <BR><BR>Manchmal müssen sich Sänger furchtbare Kostüme gefallen lassen . . . <BR><BR>Kasarova: Es ist oft schlimm. Aber wir sehen viele Dinge zu spät, kurz vor der Premiere. Da kann man nichts mehr ändern. Ich bin eine Diplomatin und versuche, mit den Leuten zu reden. Oft liegt es daran, dass ein Regisseur oder Ausstatter uns zwar dem Namen nach kennt, aber nicht persönlich, den Typ. Zehn Mezzos in derselben Rolle: Eigentlich bräuchte jede ein eigenes Kostüm. Am wichtigsten am Theater ist doch, dass man aus dem jeweiligen Individuum das Beste herausholt und es nicht in ein Konzept zwängt. Im schlimmsten Fall verursachen sie beim Sänger Unbequemlichkeiten bis zum Komplex. Viele glauben, wir singen halt nur. Aber das ist sauschwer (lacht). <BR><BR>Sie haben einen kleinen Sohn. Was bedeutet das für Ihre Karriereplanung? <BR><BR>Kasarova: Bei längeren Gastspielen versuche ich, ihn mitzunehmen, reise auch viel mit meinem Mann. Viele Leute haben Kinder, lassen sie mal hier, mal dort, und irgendwie funktioniert das. Ich will das nicht, will jetzt eine intensive Beziehung zu meinem Sohn pflegen. In drei Jahren kommt er in die Schule, dann wird`s erst richtig kompliziert. <BR><BR>Und was sagt er, wenn Mama singt? <BR><BR>Kasarova: Das war früher komisch, da hat er geweint. Ich glaube, er hat damals gedacht, wenn ich mit meiner Opernstimme singe, weine ich auch. Und heute mag er das Singen noch immer nicht, weil er weiß, dass ich weg gehe. Gott sei Dank wird ihm immer mehr bewusst, dass ich auch zurückkomme. <BR><BR>Und wenn er einmal Sänger werden möchte? <BR><BR>Kasarova: Ganz ehrlich, ohne Koketterie: Ich fände es furchtbar. Das ist ein so schwerer Beruf, der viele Kompromisse und Einschränkungen bedeutet. Und wenn man Erfolg hat, wird es noch viel schwerer. Man braucht ausreichend Schlaf, darf kaum ausgehen, nicht mal in einem zu kühlen Zimmer sitzen. Und man muss den richtigen Partner finden, der das alles versteht. Das ist das Schlimmste bei uns Sängern: Wir sind alle Romantiker, sind auch unpraktisch, haben aber so viel Fantasie. Und das Leben, das wir uns ausmalen, können wir oft gar nicht leben.<BR><BR>Immerhin bietet die Bühne die Chance, Emotionen auszuleben. <BR><BR>Kasarova: Ja, schon. Aber das ist eine unrealistische Welt. Bühne ist wie ein Kinderspiel - und ermöglicht dadurch sicherlich eine Art absolute Freiheit. Das Schönste an meinem Beruf ist: Jeder Abend ist anders. Es gibt keine Routine - was im Leben ja durchaus passieren kann. <BR></P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel <BR></P>

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