Aberwitziges am Rande des Abgrunds

- Jetzt nur nicht neidisch werden. Auf die deutsche Hauptstadt, die sich zu Ehren des Sonnyboys mit "Welcome, Sir Simon" beflaggte, die sich binnen vier Wochen ihrem neuen Musikidol mit der post-modischen Frisur zu Füßen warf. Und ein klein wenig von dieser heiß flammenden Liebe, von dieser Aufbruchsstimmung _ freilich auf bayerische Betriebstemperatur zurückgestuft _ war auch beim Gastspiel der Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle spürbar (Münchner Gasteig).

<P>Mit Mahlers fünfter Symphonie, Rattles Antrittswerk als Chef in Berlin, tourt das Ensemble derzeit durch Deutschland. Und auf Mahler sind die Philharmoniker spätestens seit Abbados Ehrfurcht gebietenden Text-Befragungen spezialisiert. Rattle, dessen sprunghafte Emotionalität dem Orchester großes Reaktionsvermögen abnötigte, wählte einen anderen Zugang. Er erdete Mahler, ohne ihn zu verharmlosen, zwang die Fünfte nicht in eine homogene Klangästhetik, sondern führte sie als widerspenstigen Koloss vor.</P><P>Eine Interpretation der großen Gegensätze also, der ungeheuren Detailfülle. Und wie die Berliner auf Rattles ständiges Fordern, seine nie nachlassende Intensität eingingen, war entwaffnend. Als ob beim Blick auf die Partitur jemand die Schärfe extrem nachgestellt hat, so wurden die Feinheiten der Fünften offenbart. Denn Rattle ging gern einen _ entscheidenden _ Schritt weiter: Der Trauermarsch tönte noch dumpfer, lastender als sonst, das Scherzo wurde als skurril entgleiste Walzerfolge mit geisterhafter Pizzikato-Episode vorgeführt, im berühmten Adagietto verströmten sich die Streicher bis an die Hörbarkeitsschwelle, das Finale spitzte sich in immer neuen katastrophischen Anläufen zu. Und stets schien der musikalische Prozess umzukippen, wie gefährdet: aberwitzige Ereignisse am Rande des Abgrunds.</P><P>Dass von diesem Monument Haydns vorausgehende Symphonie G-Dur Hob. 88 nicht erdrückt wurde, ist eigentlich ein Wunder. Aber Rattles Spaßbereitschaft, die sich nicht nur aufs Orchester, sondern binnen Sekunden auf 2400 Hörer übertrug, war das passende Rezept für diese Pointen-Sammlung. In kleiner Besetzung, sehr stilsicher und mit Lust an überraschenden Wendungen musizierten die Berliner Philharmoniker hier auf gleicher Augenhöhe mit Spezialensembles. Jubel schon nach Haydn, Ovationen nach Mahler _ und die frustrierende Gewissheit: Ab jetzt gibt's im Gasteig wieder Hausmannskost.</P><P><BR> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Kulturzeit will helfen, die Welt zu mögen“
Zuschauer des BR-Fernsehens kennen Vivian Perkovic von den Sendungen „Jetzt mal ehrlich“, „Puls“ und „on3-Südwild“. Seit einem Jahr ist die 39-Jährige, die etwa auch …
„Kulturzeit will helfen, die Welt zu mögen“
Dolores O’Riordan – die Frau mit der Monsterstimme
„Zombie“ war der größte Hit der Band The Cranberries. Völlig überraschend ist Sängerin Dolores O’Riordan jetzt mit 46 Jahren gestorben. Unser Nachruf: 
Dolores O’Riordan – die Frau mit der Monsterstimme
Unterwegs mit einem Flötisten der Münchner Philharmoniker
Wie ein normaler Arbeitstag bei den „Philis“ aussieht, verrät der Soloflötist Herman van Kogelenberg (38). Wir begleiteten ihn von der Probe am Samstag bis zum Konzert …
Unterwegs mit einem Flötisten der Münchner Philharmoniker
Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben
Er ist der „Master of Puppets“ des deutschsprachigen Theaters. Jetzt hat Nikolaus Habjan fürs Münchner Residenztheater „Der Streit“ von Marivaux inszeniert. Lesen Sie …
Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben

Kommentare