+
Vier Generationen der Familie Well waren zusammen mit Gerhard Polt für "Abfent, Abfent" gemeinsam auf der Bühne: Mutter Traudl ist gerade 90 geworden.

Der „Abfent“ bei den Wells

Vier Generationen auf einer Bühne, versammelt zu einem Hoagartn, der nichts Künstliches oder gar Antiquiertes an sich hatte: Gerhard Polt ist dieses Kunststück mit Mitgliedern der Familie Well gelungen.

„Abfent, Abfent“, hieß das Programm, das am Samstagabend für den Bayerischen Rundfunk aufgezeichnet wurde. Noch steht nicht fest, wann das musikalische Advents-Treffen gesendet wird und wann es auf DVD im Handel erscheint. Zu erwarten ist nicht weniger als ein Dokument, das bayerische Musik- und Familientradition besser beschreibt als manches dicke Brauchtums-Lexikon.

Polt kündigte an: „Ich les’ a Stückl vor, dann gibt’s Musik, und dann les’ ich wieder.“ Natürlich las er Geschichten vom Advent. Weihevolle Stimmung wollte – und sollte – trotzdem nicht aufkommen. Das hatte auch niemand erwartet im ausverkauften Saal des Kulturkreises Ramersdorf-Perlach.

Mit Lausbuben-Miene erzählte der Kabarettist von seiner Kindheits-Erkenntnis, dass der Krampus „eine rechte Drecksau“ sei. Er las Mini-Dramen von gepeinigten Nikolos und Corpsstudenten, die sich als Allergie-Auslöser entpuppen, und er trug nachdenkliche Geschichten vor, etwa von der schwierigen Suche nach einem Einsamen, den man zum Fest einladen möchte. Szenen, die in Poltscher Manier tiefschürfend und zum Brüllen komisch zugleich sind. Die Well-Familie kennt die Geschichten, genauso wie ein Teil des Publikums. Doch alle lauschen gebannt, wie „der Gerhard“ mal polternd, mal jammernd oder kreischend den kurzen Texten Farbe und Leben verleiht.

Ein Dutzend Wells sind auf der Bühne versammelt: Mutter Traudl, gerade 90 geworden, die Söhne Stofferl und Michi, die erst gegen Mittag mit Polt von einer Tournee durch die Schweiz zurückgekehrt sind, und eine bunte Schar Enkel und Urenkel. Sie spielen und singen, wie es in der Familie seit Generationen Brauch ist: Feierliche Adventslieder, freche Nikolo-Verse, Instrumentalstücke vom Landler bis zum finnischen Walzer. Das mag manchmal noch ein bisserl schräg klingen, wenn die Jüngsten voller Inbrunst ins Mikrofon plärren, und das erreicht Konzertniveau, wenn die Musikstudentinnen der Familie zu Cello, Harfe und Violine greifen.

Natürlich: Die Madl tragen Dirndl – mit größter Selbstverständlichkeit. Doch von Brauchtümelei ist die Veranstaltung so weit entfernt wie Polts augenzwinkernde Adventsgeschichten von einer Bibelstunde. Die Buben tragen Jeans und Turnschuhe. Und sie alle grinsen still in sich hinein, wenn Polt in seinen Erzählungen dem eher harmlosen Anarchismus der Jugend freien Lauf lässt.

Keinen von ihnen, nicht einmal die jüngsten im Vorschulalter, hat man auf die Bühne drängen müssen. Sie sind damit aufgewachsen. Und Traudl Well, umgeben von Kindern, Enkeln und Urenkeln, zupft gewissenhaft die Zither und strahlt von innen heraus. Die Liebe zur Heimat und zur Familie, die sie ihren Kindern vermittelt hat, wird hier weitergegeben. Darüber hat sie sogar Frieden geschlossen mit den oft arg subversiven Texten der Biermösl Blosn. Um den Zusammenhalt der Familie muss sich die 90-Jährige keine Sorgen machen. Die Jungen, so hört man, brennen darauf, bei solchen Auftritten und dem anschließenden Essen in einem zünftigen Gasthaus den Kontakt zum Rest der weit verstreuten Sippschaft aufrecht zu erhalten.

Burgi, eine der drei „Wellküren“, nimmt seit Jahren die Sisyphos-Arbeit auf sich, die Termine zu koordinieren und die Kinderschar vor und nach den Auftritten zu bändigen. Und obwohl niemand daran denken mag, dass diese Treffen einmal aufhören könnten, hat Gerhard Polt darauf gedrängt, den Abend im Perlacher Schulzentrum an der Quiddestraße aufzuzeichnen. „Als Dokument“ wolle er das Programm sichern und bewahren, sagt er nach dem Auftritt, bei einem Weißbier im Perlacher „Gasthof zur Post“, nachdenklich. Für das, was er da bewahren will, hat Polt ein schlichtes Wort: „Tradition“.

Peter T. Schmidt

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare