Abgeliebte Schutzengel

Ausstellung im Haus der Kunst: - "Was am Rande geschieht, ist immer interessanter, als was im Zentrum, im Licht geschieht. Es sind die Stätten, wo etwas Neues zu finden ist." Dieser Meinung ist nicht nur der Kunsthistoriker Roger Cardinal, der 1972 mit dem Begriff der "Outsider Art" ein englisches Synonym für die "Art Brut" erfand, um dem künstlerischen Schaffen geistig behinderter Menschen am Rande der Gesellschaft ein gleichberechtigtes Forum zu geben.

Vor diesem Hintergrund steht auch die Förderarbeit der Münchner Augustinum Stiftung. Seit 2000 vergibt sie alle zwei Jahre (nun gemeinsam mit der Diakonie Stetten) den "Euward", European Award für Malerei und Grafik von Künstlern mit geistiger Behinderung, dotiert mit insgesamt 19 000 Euro.

Doch kann man die 26 diesjährigen Nominierten (gewählt aus 300 Künstlern aus 16 Ländern), deren rund 250 Arbeiten die drei großen Säle des Ostflügels im Münchner Haus der Kunst füllen, denn überhaupt noch "Außenseiter" nennen? Schöpfungen wie die exakten Tuschezeichnungen von Franz Richter, die an den Bildrand gedrängten Häuschen des Wieners Hannes Lehner oder auch die winzigen bunten Endlos-Puzzles des bei Schongau lebenden Konrad Müller "momllik" lassen das Gegenteil vermuten. Eher komme sie sich hier als Outsider vor, betont die Berliner Kunstprofessorin Leiko Ikemura, seit 2000 Mitglied der Jury.

Die sorgfältige Kleinteiligkeit ist eine auffällige Zutat dieser Ausstellung. Auch bei den Bildern und den (Schrift-)Collagen der jungen autistischen Niederländerin Ylonka Elisabeth Jaspers (geboren 1984): Die Gewinnerin des Dritten Preises spielt mit den bunten Gestaltungsmöglichkeiten vervielfältigter Elemente, die sich immer wieder auch dem Thema der Identitäts- und Selbstfindung widmen. Inhaltlich inspiriert wird sie dabei von den beiden historischen Außenseiter-Figuren Anne Frank und Jeanne d‘Arc.

50 Jahre älter als Ylonka ist der in Cochem lebende Edmund Krengel. Er erhält bereits zum zweiten Mal (nach 2000) den Zweiten Preis der Jury für seine leuchtenden Architekturen. Fein und farbig variierend scheinen Krengels Häuser und Schlösser ihre groben, eindimensionalen Wachsstift-Konstruktionen aus rotbraunen Balken, gelben Fenstern und schwarzen Dächern vor dunkelblauem Himmel immer wieder neu zu erspüren und erfinden. Bis sie zu einem in sich ruhenden Gleichgewicht gelangen.

Das Besondere an dieser Art Kunst sei, dass sie "von Menschen, nicht von Künstlern gemacht" werde, betont Roger Cardinal. Sie zeige, dass Kunst zu machen etwas ganz Natürliches sei. So natürlich wie die wunderbaren Papiermänner des 40-jährigen "Euward"-Gewinners Mario Jambresic, der seit 1981 in einer betreuten Wohngruppe in Bielefeld lebt und dort in einer Werkstatt arbeitet. Er sieht all seine ausdrucksvollen Polizisten, Müllmänner, Dirigenten, Cowboys, Holländer im Fernsehen oder auf der Straße.

Dann zeichnet er sie aus dem Gedächtnis auf sorgfältig zusammengeklebte DIN-A4-Bögen, belebt sie plastisch mit seinen Buntstiften, schneidet sie aus und gibt ihnen manchmal auch noch ein paar Beine aus Reklamestreifen. Er faltet sie zusammen und steckt sie in seine Sakkotasche. Er trägt sie mit sich, hat sie gern. Im Haus der Kunst steht er stolz vor einer langen außergewöhnlichen Wand und bestaunt sein imposantes Volk (ab)geliebter Schutzengel.

Bis 13. Mai. Mo-Fr 10-22 Uhr, Sa, So 10-20 Uhr. Das Begleitbuch kostet 20 Euro.

Info: www.euward.de.

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