Abgeschlagene Plüschohren

- Ostereier sind subversive Objekte. Jedenfalls wenn man Wolf ist, sich im Land der Hasen auf den Thron geputscht hat und per Gesetz anordnet: "Es gibt keine Hasen mehr!" Weh' dem, der dann noch Ostereier besitzt, in Umlauf bringt oder gar versteckt und damit die Nicht-Existenz der Hasen leugnet. Der hat Mut, "Hasenmut!" nämlich, so der Titel der zauberhaften Inszenierung in der Münchner Schauburg.

<P>Ted Keijser hat die Erzählung Ariel Dorfmans für die Bühne bearbeitet und die Darstellung einer Diktatur in ein spielerisch vergnügtes, dabei immer ernsthaft bleibendes Theaterspiel mit Musik verwandelt. Kindgerecht einerseits, wie die Anteilnahme des jungen Publikums deutlich macht. Erwachsenengerecht aber nicht minder. Denn was die urkomischen Schauspieler zwischen den wenigen Textzeilen, vor allem aber in pantomimischen Paradestückchen erzählen - es pochen die Hasenherzen und zittern die Flanken mit einer bloßen Handbewegung - ist so vieldeutig und geistreich, dass jeder etwas zu entschlüsseln und erkennen hat, ob sieben oder siebenundsiebzig Jahre alt.</P><P>Abgeschlagen liegen sie da, die Hüte mit langen Plüschohren, nachdem der König, der eindrucksvoll verbiesterte Armin Schlagwein, zum ersten Mal gewütet hat. Hofschranzen sind sofort zur Stelle _ System erhaltend, ob so dumm wie das Wächter-Nashorn, eine Ausgeburt an Trottelhaftigkeit in Klaas Schramms Darstellung, oder ob so biegsam wie der wendehalsige Ratgeber-Fuchs von Berit Menze.</P><P>Jedoch: Die Vögel, flatternd an langen Stangen über Hasenland, sprechen die Wahrheit aus, und der Affe, Hoffotograf wider Willen, bildet Hasenohren ab, so sehr er sich um ein astrein grimmiges Königsporträt bemüht: Die Hasen existieren im Untergrund. Und sie sorgen für eine Unzahl von Eiern in den Alb- und Wachträumen des Königs, der mit seiner eigenen Paranoia geschlagen wird, ohne seine Ziele "Deportation" und "Eliminierung" erreicht zu haben. Schwierige Begriffe im Kindertheater, die sich hier ganz von selbst erklären.</P><P>Laura de Josselin de Jong hat sich für die Parabel vom Widerstand zeitlose, zwischen Tier und Mensch changierende Kostüme ausgedacht und eine Bühne, auf der sich mittels virtuos geraffter Vorhänge weite Landschaften in Säulenhallen verwandeln. So einfach, klug, fantastisch, wirklichkeitsnah und Generationen-übergreifend kann Theater sein.</P>

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