Gut abgeschmeckt

- Während der ersten Minuten dürfte viele noch eine Gänsehaut ereilt haben. Als sich die Musik wirklich aus dem Nichts materialisierte, als sich Mariss Jansons Zeit ließ, behutsam und intensiv den Klangraum weitete, als er eine diffuse Atmosphäre schuf, die zwischen Bedrohung, Bangen und Verzagen lag.

Und als Erinnerungen an andere Aufführungen des Verdi-Requiems mit diesem Ensemble wach wurden: Ob Jansons hier im Herkulessaal gar das legendäre, leider nie offiziell veröffentlichte Konzert mit Riccardo Muti aus den 80ern überflügeln sollte?

Das große Versprechen, das Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks da anfangs gaben, es sollte nicht ganz eingelöst werden. Womöglich, weil man anderes erwartet hatte und sich erst in Jansons' Deutung einhören musste. Denn im Unterschied zu Kollegen, die das Stück als knallige, manchmal eben auch äußerliche Überrumpelungsaktion verstehen, ließ sich Jansons nicht zu Effekten hinreißen.

Statt über die Brachialgewalt des "Dies irae" staunte man da über wirklich selten erlebte Feinabstufungen. Etwa über genau abgeschmeckte Holz- und Blechbläser-Mischungen. Auch über den Ausbruch des "Tuba mirum", als Jansons das Schlagwerk zurücknahm, endlich einmal der Chor durchkam - und Verdis ins Bodenlose stürzenden Streicherkaskaden hörbar wurden. Stark auch der sehr prononcierte Trauermarsch im "Lacrimosa". Oder das "Sanctus", das Jansons zwar flott nahm, aber dennoch die Verästelungen der achtstimmigen Chorfuge herausmodellierte.

Am Ende blieb der Eindruck einer sehr ehrlichen, klugen, aber eben keiner wirklich großen Aufführung. Vor allem, weil da (eigentlich versierte) Sänger an der Rampe standen, die froh sein konnnten, dass kein Intonations-Messgerät mitlief. Tamar Iveri (Sopran), obgleich zu dunkler, ausstrahlungsmächtiger Emphase fähig, blieb oft eine Schwebung zu tief. Piotr Beczala, dem Stilisten mit dem ausgeglichenen, gut fokussierten Tenor, fehlte das letzte Qäntchen Obertonglanz. Bassist Alexander Vinogradov beließ es beim Ausstellen seines grobkörnigen Materials und beim Produzieren von Einheitsvokalen ("Locromoso").

Einzig Yvonne Naef, die die Mezzo-Partie mit archaischer Dramatik sang, vermochte ganz zu überzeugen. Heftiger Beifall, keine entfesselten Ovationen, ein, zwei Buhs für die Sänger. Also doch "nur" eine Generalprobe fürs Festspiel-Konzert in Luzern?

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