In den Abgründen des Palastes

- Reihe 6. In der Mitte, startklar, ein Pult mit Pinsel, Feder, Tusche, Farbe und einem Overhead-Projektor. Helge Leiberg, für dessen Live-Malerei dieses Gerät wie geschaffen scheint, konzentriert sich im Salzburger Landestheater auf "Medea. Stimmen", eine Performance zu Christa Wolfs Roman von 1996. Nur mit Schwarz und Weiß, Blau, Gelb, ganz wenig Rot und knappen archaischen Kürzeln führt er Mythos und Moderne zusammen, wie es auch Wolf mit ihrem Buch versuchte. Sie ist heuer bei den Festspielen "Dichterin zu Gast".

<P>Am ersten Abend las sie aus ihrem vorläufig jüngsten Werk, der Krankheitsgeschichte "Leibhaftig" (2002), denn schon im September wird die Neuerscheinung "Ein Tag im Jahr. 1960-2000" bei Luchterhand herauskommen. Beim zweiten Auftritt erinnerte sie an zu jung verstorbene Autorinnen: Inge Müller (1925-1966), Brigitte Reimann (1933-1973), Maxie Wander (1933-1977) und Irmtraud Morgner (1933-1990). Den Abschluss und Höhepunkt dieser Reihe setzte die Medea-Performance Mittwochnacht nach der "Woyzeck"-Vorstellung.</P><P>"Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde?"<BR>Medea</P><P>Die alten Künste Musik, Malerei und Dichtung trafen sich zu einem faszinierenden Symposion. Ohne großen Aufwand entstand ein Gesamtkunstwerk, das  im  spektakelsüchtigen Festival neben aufgeplusterten Opern und Theaterproduktionen umso mehr verblüffte. Zumal keiner den anderen dominierte. Die Improvisationsmusiker Lothar Fiedler (Gitarre, Live-Elektronik, Tapes), Heiner Reinhardt (Bassklarinette, Sopransaxophon), Wolf, die fast zu zurückgenommen las, und Leiberg gingen aufeinander ein, bewahrten aber immer die Eigentümlichkeiten ihrer Profession. Medea ist bei Wolf aus dem gängigen Mythen-Konstrukt der mörderischen Rächerin herausgelöst. Sie flieht mit Jason aus Kolchis, um dem Terror-Regime ihres Vaters zu entgehen. Der hatte es auf den Mord am eigenen Sohn gegründet. Aber auch in Korinth macht Medea eine grausige Entdeckung. König Kreon zementierte seine Herrschaft auf der so genannten Opferung seiner Tochter Iphinoe.</P><P>Die fremde Prinzessin, Priesterin und Heilerin wird ausgegrenzt, als sie in die Abgründe des Palastes, der Macht hinabsteigt und dort das Mädchen-Skelett findet: Während die Gitarre einen grollenden Soundteppich auslegt, auf dem die Klarinette Exotisch-Verlorenes sucht, tastet die Tuschfeder über die Leinwand und hinterlässt den Umriss eines Riesenkopfes. Daneben eine zierliche Gestalt. Sie legt ihre Stirn an die große Stirn _ innig trauriges Sinnbild.</P><P>Je mehr Medea in den Höhlen erfährt, umso mehr zernagen Zickzack-Linien die Figuren. Die kleine wird zur Unkenntlichkeit zerhackt, das flächige Gesicht wird zuornamentiert. "Die Stadt ist auf eine Untat gegründet."</P><P>Medea, der Schwächling und Karrierist Jason, Agameda, die Medea hasst, Akamas, der sie vernichten will, um die Macht zu sichern, Glauke, die verstörte Schwester der Ermordeten, und der Astronom Leukon, der alles weiß, alles versteht und darum nie eingreift, sie alle sprechen als die "Stimmen". Bis der Hass auf das Fremde, auf die "wilde Schöne" sogar deren Kinder steinigt: "Wohin mit mir?", fragt Medea, die in die Wildnis geflohen ist. "Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort."</P><P>Das Publikum verfolgte im Landestheater atemlos diese Aufführung von Wort, Bild und Klang, die all die modischen Video- und Computer-Zuspielungen recht ärmlich ausschauen ließ. Christa Wolf insbesondere, aber auch Leiberg, Fiedler und Reinhardt wurden mit liebevoll intensivem Beifall verabschiedet. Man war beeindruckt von der Geschichte, aber auch vom Variantenreichtum der Musiker - von Zwitscherfiguren auf metallischem Nachhall bis zu Atemgeräuschen - und von der Reaktionsfreude des Malers, der visuelles Geheimnis mit klarer Illustration klug vermischte.</P><P>Das alles war so wunderschön, weil man den Entstehungsprozess von Kunst miterleben durfte, nichts ganz Fertiges vorgesetzt bekam. Allerdings forderte gerade dies höchste Konzentration, nichts für Kunstkonsumenten der leichten Art. Das Publikum war vielmehr Teilnehmer - angespannt, dass diese Vorstellung gelingen möge. So viel Engagement wird Christa Wolf uns weiterhin abverlangen. In dem kommenden Buch "Ein Tag im Jahr" hat sie 40 Jahre hindurch jeden 27. September protokolliert - auch hier vierzig Stimmen der Christa W.</P>

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