Abgründige Denkspiele

- Die Dichter werden um ihn besonders trauern. Wer hat ihre Romane und Epen, ihre Verse und Szenen so kongenial illustriert wie Michael Mathias Prechtl? Am vergangenen Mittwoch starb der Zeichner, Maler und Grafiker im Alter von 76 Jahren in Nürnberg, wie jetzt seine Frau Frydl Zuleeg bekannt gab.

<P>Prechtls Faszination bestand - auch für Nicht-Kunstkenner - in der raffinierten, überraschungssatten Verbindung von realistischer Formensprache und deftiger Abgründigkeit oder hinterkünftiger Denkspielerei. Da war einer am Werk, dem Kunst-Tendenzen der Zeitgenossen egal blieben, der sich jedoch viel mit Schriftstellern und Philosophen beschäftigte, der Politiker und Mitmenschen dennoch genauso scharf im Blick behielt. Kein Wunder, dass die New York Times "seinen" Willy Brandt wollte oder der Spiegel gern die kessen Zuspitzungen à la Prechtl auf dem Titel trug. Kein Wunder auch, dass mancher - wie etwa der Nürnberger Stadtrat (nicht verwirklichtes Wandgemälde für den Rathaussaal) - sich aufregte. Schließlich hatte Prechtl bestens getroffen. </P><P>Der Künstler, der in Amberg am 26. April 1926 geboren wurde, Krieg und Gefangenschaft überlebt hatte, wurde in seinen Arbeiten, eben in jenen Strichen, Farbsetzungen und Handabdrücken zu einem weisen Zyniker, zu einem liebevollen Analytiker, zu einem sinnlichen Logiker: Seine Muse - Sünde, Eva, Katze in einem - pinselt ihn, der im Kopf Distel und Fink trägt, sorgfältig, während er sie gleichzeitig akribisch malt. Die Kunst schafft den Künstler und umgekehrt. Der Betrachter kann aus jedem Prechtl-Bild viel lernen - genauso viel sehen, entdecken und darüber nachdenken. Das wird bleiben. Diese charismatische Überzeugungskraft der Illustrationen und Plakate, doch in eine Ausstellung zu gehen, doch E. T. A. Hoffmanns "Lebensansichten des Katers Murr" zu lesen, doch den alten Renaissance-Könner Cellini bewusster zu beachten. </P><P>Michael Mathias Prechtl war ein großer Erklärer, und ein unterhaltsamer. "Die Versuche,/ diese Welt, dieses Leben/ in Kunst zu fassen,/ begreifbar zu machen,/ dauern an", beendete Prechtl seine kleine Biografie im Katalog zu der Stadtmuseums-Ausstellung "Denkmalerei" - 1986. Nun dauern sie nicht mehr an. Das wird uns sehr fehlen. Denn wer hat je so kurz und klar, Bayern, München und sein Oktoberfest durchleuchtet wie Michael Mathias Prechtl mit seinem Plakat "Münchner Oktober". <BR><BR></P>

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