Abgründiges

- Lasse man sich von den floralen Ornamenten, der scheinbaren Leichtigkeit des Seins nicht täuschen: Die große, kurze Epoche westlicher Kunst, die in Deutschland Jugendstil heißt, hat ihre Nachtseiten - Bedrohliches, Fremdes, Surreales lauert in den fließenden Formen; Sigmund Freud erfindet gerade Traumdeutung und Psychoanalyse, und der Erste Weltkrieg droht.

<P>Besonders eindrücklich scheint solch abgründige Irrationalität verwirklicht in der Musik dieser Jahre. Alexander Zemlinskys "Sechs Gesänge op. 13" sind ein Idealbeispiel dafür: Tonfall und Worte der Gedichte von Maurice Maeterlinck wirken fast volkstümlich, doch hinter den Märchen-Versatzstücken, den Bildern von güldenen Kronen, Jungfrauen und Königinnen, verbirgt sich Rätselhaftes. </P><P>Lilli Paasikivi realisierte in der Münchner Philharmonie die gesanglich-textliche Oberflächen-Ebene mit angenehm schlankem, linear geführtem Mezzo, die Philharmoniker ergänzten dazu die musikalischen Schichten des Unterbewussten, von der expressiv fließenden, dennoch unmanierierten Gestik der Dirigentin Susanna Mälkki gleichermaßen zu Transparenz und orchestraler Prachtentfaltung angespornt. Aus gleicher Zeit, aber ungleich energetischer die Konzert-Ouvertüre E-Dur op. 13, ein Frühwerk von Karol Szymanowski, noch spätromantisch eingefärbt, aber schon mit den gezackten Ausfransungen der anbrechenden Moderne. </P><P>Auch Witold Lutoslawskis letzte Sinfonie scheint, wiewohl erst 1992 vollendet, mit ihrem großen symphonischen Atem auf den Jahrhundertanfang, auf die Adagios Gustav Mahlers zurückzuverweisen. Cluster und aleatorische Passagen fügen sich bruchlos und geheimnisvoll in die weiten Bögen ein. Igor Strawinskys Ballett "Jeux de cartes" beendete den interessanten Abend mit nervöser, fast verletzender Intensität.<BR><BR></P>

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