Abheben ins "Hair"-Nirwana

- Skandal 1968 bei der deutschen Erstaufführung von "Hair" im Münchner Theater in der Brienner Straße. Dafür heute nur müdes Lächeln. Ist ja seit langem schon jedes Efeublättchen weggestrippt. Allerdings: mit der Aufbruchsstimmung, ihrem "Make Love, not War" sind die Blumen-Kinder immer noch weit voraus. Und was das Musical von Ragni & Rado (Buch/ Songtexte) und Galt MacDermont (Musik) betrifft, so hat es jetzt in der Bocksch-Neuproduktion die richtige Kultstück-Klassiker-Reife. Unter Applaus-Tosen brach im Münchner Deutschen Theater gerade "The Age of Aquarius" an.

<P>Heißt hier: eine riesige Dauerparty des "Tribe", einer Clique von jungen Leuten in Hippie-Kluft (Herbert Erhardts Kostüme: waschecht bis ins Stirnband und Lederfransen). Viel Handlung ist nicht, abgesehen vom kurzen Gewissenskonflikt des einberufenen Claude (Shannon Stoeke), der als einziger doch vaterlandsgehorsam nach Vietnam geht.</P><P>Sonst lauter Rausch-Momente, in denen Anführer Berger (Tom Plotkin), selbst bereits hinreißend "high" benebelt, die Joints weiterreicht. Und er, Freundin Sheila (Scarlett), Claude und die in ihn verknallte Jeanie (Michael Ann Young) schmettern blendend ihren antibürgerlichen Trotz, ihren Friedenswillen in all diesen schönen Songs. Und wenn der ganze "Tribe" mitsingt, umlodert von LSD-Farben, gut abgestützt von William Tinsleys Band, hebt auch der Zuschauer ab ins "Hair"-Nirwana.</P><P>Dort angekommen ist längst der Chorus, allein schon durch seine "hair"-schwingende Bewegungsekstase. Auch wenn man noch Twyla Tharps exzellente Choreographie für Milos Formans Verfilmung in Erinnerung hat, wie Melissa Williams die durch den Körper rollenden Funkbewegungen der 70er aufgelockert hat mit wilden freien Gesten, das kommt hundertpro-heutig hin. Sowieso, bei all den Supertypen, die Tanztechnik aussehen lassen wie Spielerei.</P><P>Von technischer Perfektion fast alles, Projektionen von Woodstock und Vietnam inklusive. Und da verflüchtigt sich ein bisschen der ursprüngliche Konflikt mit der älteren Generation. Darf sein bei einem Musical, wenn mit 35 Jahren so gut erhalten.</P>

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