Ablenkungsstrategie

- Was tun Politiker am 6. Januar? Sie gehen in Klausur, machen sich Mut für das kommende politische Jahr und lassen sich vor laufender Kamera von Caspar, Melchior und Balthasar etwas vorsingen. Die Münchner SPD pflegt eine andere Tradition. Am Dreikönigstag lädt das KulturForum zum Neujahrsempfang in die Räume des Künstlerhauses am Lenbachplatz.

Und weil der Münchner Oberbürgermeister in verfahrenen kulturpolitischen Situationen immer selbst auf den Kutschbock springt, um den Karren aus dem Dreck zu lenken, war er es, der an diesem Januarabend die Stimme erhob zum Sparblues im Kulturressort. Doch zuvor holte er noch den biblischen Stern vom Himmel und protestierte unmissverständlich gegen die Verbrämung machtpolitischer Interessen mit religiösem Sendungsbewusstsein. "Kreuzzug gegen das Böse" - diese Art der Rhetorik ist für Ude ein "gravierendes Alarmzeichen". <BR><BR>Dem kraftvollen Auftakt folgte das Gebet der Stunde: Sparen! Sparen! Sparen! Und dann die leise Beichte: "Die Kulturpolitik des letzten Jahres war kein glänzender Aktivposten." Hier die beiden Stichworte aus der leicht retuschierten Negativ-Bilanz: Entscheidungsstau, Irritation bei den bildenden Künstlern. Genauer: Lab 21, Kunstprojekte Riem, Sanierung des Deutschen Theaters, Nachfolge für James Levine als Chefdirigent der Philharmoniker. <BR><BR>Ungleich länger fiel die Positiv-Bilanz aus. Die Wiedereröffnung der Kammerspiele rangiert für Ude als "größte kommunale Kulturinvestition der Gegenwart" zu Recht an erster Stelle. Es folgen Stadtteilzentren in Moosach, Giesing, Trudering und Milbertshofen. Positiv verbucht werden ferner die Renovierung des Filmmuseums sowie die Weichenstellung für das Jüdische Museum und Gemeindezentrum. "So düster wie die Lage gemalt wird, ist sie nicht!" Mut machend kann da auch ein Rückblick in die Vergangenheit sein. Schließlich ist die Haushaltsperre keine Neuerfindung. 1992/93 wurden schon einmal Konsolidierungsbeiträge gefordert. Ohne dass dabei die Substanz großen Schaden genommen hätte. Insgesamt verlief der Abend nach alter Strategenmanier. Den Blick auf die Krisenherde dieser Welt lenken, damit keiner merkt, was auf dem eigenen Herd gerade anbrennt. <BR><BR>Apropos, wo war eigentlich Lydia Hartl, der in allen Jahresrückblicken der Schwarze Peter zugeschoben wurde? Irgendjemand überbrachte die Kunde, sie sei als Mohr unterwegs, hätte bei Linz ihre beiden Königskollegen verloren, den Abzweig nach Bethlehem verpasst und ihr Geschenk wieder mit nach Hause genommen. Das Geschenk sei eine Videocassette ihrer Lieblingsshow gewesen: "Pleiten, Pech und Pannen". Ein schwieriges Jahr mit einschneidenden Veränderungen liegt vor uns. In Dreikönigsnamen, packen wir`s an. <BR>

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