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Absagen wegen Corona und schlechter Auslastung: Lage für freie Künstler noch bedrohlicher

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Von: Markus Thiel

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Semperoper
Bis 9. Januar muss die Dresdner Semperoper vorerst schließen. Wenigstens zahlt das Haus Ausfallhonorare. Doch noch immer fehlen in Deutschland – im Gegensatz zu Frankreich – klare, allgemeingültige, einklagbare Regelungen. © Robert Michael/dpa

Noch immer gibt es keine klaren Honorar-Regeln bei Corona-Absagen. Was für freie Künstlerinnen und Künstler dazukommt: Nun werden Termine auch wegen schlechter Auslastung gekippt.

Wer die Webseite der Dresdner Semperoper anklickt, sieht gleich den Hinweis aufploppen: „Vorstellungsabsagen bis 9. Januar“. Ähnliches in Leipzig, die Wiener Staatsoper verweist als schwachen Trost auf ihren Internet-Spielplan, der auch die Premiere von Mozarts „Don Giovanni“ an diesem Sonntag umfassen muss. Es geht also wieder los – beziehungsweise hört auf. Wie in den anderen Lockdowns muss sich die Kultur am meisten gefallen lassen. Und dass die Säle wie in Bayern zu 25 Prozent ausgelastet sein dürfen, ist kaum ein Trost. Privatveranstalter lässt man so am ausgestreckten Arm verhungern.

Hauptleidtragende bleiben die freien Künstlerinnen und Künstler. Sicher: Auch künftig dürfte es Staatshilfen geben. Doch viel spricht dafür, dass es noch enger wird. Immer häufiger tauchen Vertragsbestimmungen auf, die mit der Pandemie nur mittelbar zu tun haben. „Neben Corona-Klauseln gibt es nun Absagemöglichkeiten ohne expliziten Grund“, sagt Wolfgang Schwaninger, Tenor und Rechtsanwalt. „Die Sängerinnen und Sänger tragen immer mehr das volle Risiko, während sie vorher in vielen Fällen mit 50 oder 25 Prozent Ausfallhonorar abgefunden wurden.“ Er bedauert, dass es für solche Fälle noch keine „strategische Klage“ gebe, die über ordentliche Gerichte zur Rechtssicherheit führe. „Derzeit muss man an jedem Theater um die Erfüllung seines Vertrages oder eine Kompensation kämpfen.“

„Höhere Gewalt“ als strittiger Grund für Corona-Absagen

Das sind juristische Grauzonen, die immer bedrohlicher werden für freie Künstlerinnen und Künstler. Weiterhin listen die meisten Verträge den Absagegrund der „höheren Gewalt“ auf, der „Force majeure“, wie es in der Juristensprache heißt. Doch eine zweijährige Pandemie, so eine immer häufiger geäußerte Rechtsmeinung, sei längst nicht mehr gleichzusetzen mit einem plötzlich eintretenden Ereignis. Was bedeutet: Bei Vorstellungsabsagen wegen Corona müssten die Künstlerinnen und Künstler ausgezahlt werden.

„Eine Force-majeure-Regelung, die das Risiko auf die freien Künstler abwälzt, vor allem bei staatlichen Trägern, halte ich für völlig verfehlt und ungerecht“, sagt Tenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke. „Es müsste auch rechtlich geklärt werden, ob sie nicht eventuell sogar sittenwidrig ist.“ Als negatives Beispiel führt er Sachsen an, wo erst Ende Dezember 2020, also Monate nach Ausbruch der Pandemie, Ausfallhonorare überwiesen wurden – und dies auf anwaltlichen Druck.

Mittlerweile ist eine neue Bedrohung hinzugekommen: Absagen, weil sich Termine aufgrund der Publikumsbegrenzung nicht mehr rechnen. Eigentlich ist die Sache klar. Künstlerinnen und Künstler müssten ihr Geld kriegen. Manche Privatveranstalter wählen den Ausweg einer Terminverschiebung – dann wird die Gage eben 2022 oder 2023 gezahlt. Andere schauen sich die einzelnen Konzerte an und entscheiden: Braucht der Künstler das Honorar in dieser schwierigen Zeit? Oder kann er als Star einen Ausfall verkraften?

Ängstliche Betroffene wehren sich kaum

Ablinger-Sperrhacke bestätigt diese expliziten Covid-Verträge: „Sogar, wenn die Auslastung nicht gut genug ist, können Vorstellungen mit dementsprechenden Auswirkungen auf die Künstler gestrichen werden. Das ist mehr als unfair und hat mit höherer Gewalt rein gar nichts zu tun.“

In München gab es mehrere Fälle von Absagen, schon bevor die aktuellen Corona-Regeln rechtswirksam wurden. Am 21. November zum Beispiel hätte ein Mozart-Requiem mit dem Münchner Motettenchor im Herkulessaal stattfinden sollen. Über genaue Honorar-Regelungen möchte das Ensemble keine Auskunft geben, man habe sich mit den Vertragspartnern „wegen einer Aufwandsentschädigung geeinigt“. Anders offenbar im Falle des abgesagten Musica-Viva-Konzerts vom vergangenen Freitag – ein Termin übrigens, für den der Bayerische Rundfunk keine Übertragung ohne Publikum in Radio und/oder Internet als Ausweg finden mochte. Hier herrscht beim Thema Ausfallgage (noch) Funkstille.

Das Problem bei alledem: Wie laut und widerständig darf man als Betroffener auftreten? Manche Opernhäuser und Veranstalter kalkulieren mit ein, dass die Künstlerinnen und Künstler schon nicht bockig werden, weil sie Folge-Engagements brauchen. „Natürlich gibt es hier Ängste, gerade was die angebotenen Ausfallhonorare betrifft“, sagt Ablinger-Sperrhacke: „Wenn ich jetzt böse reagiere, so denken sich viele, schaut es später für mich vielleicht schlecht aus.“ Es gebe „Kolleginnen und Kollegen, die aufgrund der schwierigen Situation zu allem Ja sagen“, bestätigt Wolfgang Schwaninger.

Künstler wandern in andere Berufe ab

Und da ist noch ein anderes Problem, auf das Schwaninger hinweist: „Es fehlt an Brückenschlägen zwischen denen, die verstehen, was die Künstler bewegt, und dem Publikum.“ Dieses wolle sich nicht das hehre Bild des Künstlers zerstören lassen. „Teilweise wird schlicht nicht akzeptiert, dass diese soziale Probleme haben. Auch hier muss Aufklärungsarbeit geleistet werden. Es fehlt an Verständnis dafür, was es heißt, Künstler zu sein. Welche Kosten anfallen, wenn man allein an die doppelte Haushaltsführung während einer Gastierphase denkt.“

Anders als zum Beispiel in Frankreich gibt es in Deutschland zwei Jahre nach Beginn der Pandemie noch immer keine klaren Ausfall-Regelungen für freie Künstlerinnen und Künstler. „Wir brauchen ein Sicherheitsnetz für alle, die kreativ unterwegs und freiberuflich tätig sind“, forderte kürzlich Christian Höppner, Präsident des Deutschen Tonkünstlerverbandes. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen drohe – wie in der Gastronomie – ein Fachkräftemangel durch Abwanderung in andere Berufe. Tenor und Anwalt Wolfgang Schwaninger kennt hier Beispiele „vom Bauleiter bis zur Pilates-Trainerin“.

Und doch gibt es für Wolfgang Ablinger-Sperrhacke einen Hoffnungsschimmer. Die neue Bundesregierung wolle schließlich die Kultur als Staatsziel im Grundgesetz verankern. „Der Stellenwert der Kultur wird sich also ändern. Das verhindert hoffentlich auch willkürliche Regelungen im Bereich der Honorare.“

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