Szene aus „LovexLove“ – Claudia Senoners Choreographie mit Tänzern vom Gärtnerplatztheater ist von Donnerstag an bei „Tanz Total“ zu sehen. Foto: Lioba Schöneck

Zum Abschied ein Abend voller Reibung

München - Die letzte Tanz-Premiere des Gärtnerplatztheaters steht an. Bei diesem „Tanz Total“ dürfte es stilistisch vielfältig werden - und auch zu spannenden Reibungen kommen

„Lass uns doch mal was zusammen machen“, meinte der Münchner Gärtnerplatztheater-Tanzchef Hans Henning Paar vor zwei Jahren zur freien Choreographin Katja Wachter, als beide für die Iwanson-Schule choreographierten. Jetzt, zum Ende der Ära Paar in München – der Tanzchef wechselt mit Intendant Ulrich Peters nach Münster –, realisiert sich diese Idee. Katja Wachter und Claudia Senoner, langjährige Mitglieder des städtischen Kollektivs Tanztendenz München (TTM), haben für Paars Tanztheaterensemble je ein Stück kreiert. Dazu kommen Arbeiten von Tänzern des Ensembles für ihre Kollegen.

Bei diesem konzertierten „Tanz Total“ im Münchner „schwere reiter“ dürfte es also stilistisch vielfältig werden, auch zu spannenden Reibungen kommen. Denn die Gärtnerplatz-Tänzer, superfit in Paars Amalgam-Stil aus Neoklassik, modernen und freien Bewegungen, werden bei den beiden TTM-Frauen noch einmal mit ganz anderen Arbeitsweisen konfrontiert – womit sich ja der Zweck der künstlerischen Bereicherung erfüllt. „Ich beschäftige mich in meinem ,Theoretisch Tanzen‘ mit Sprache. Manche Tänzer wollen das nicht“, sagt Wachter, die als Dozentin der Bayerischen Theaterakademie viel mit Schauspielern arbeitet und sich schon deshalb mit der Interaktion von Sprechen und Bewegen auseinandersetzt.

„Gut war, dass es vorab einen kleinen Workshop gab“, meint Wachter. „Da konnte ich die Leute aussuchen, die sich einlassen wollten. Dennoch bin ich an Grenzen gestoßen. Paars Tänzer können vorgegebenes Material sehr schnell umsetzen. Aber ich arbeite über eine assoziative Schiene, lasse sie Gedanken aufschreiben. Auf diese Weise will ich sie dazu hinführen, aus ihrer Persönlichkeit heraus etwas zu entwickeln, selbst kreativ zu werden. Das ist für sie ungewohnt wie auch das Sprechen auf der Bühne.“

Warum aber überhaupt Sprechen beim Tanzen? „Es ist praktisch ein Gesetz des Marktes, den zeitgenössischen Tanz dem Publikum vorab mit immer größeren, dickeren Worten zu erklären“, holt Wachter aus. „Diese Vermittlung über Sprache hat aber meist mit dem, was man auf der Bühne sieht, nicht viel zu tun. Führt weg von der Sinnlichkeit des Tanzes.“ Wenn man Wachter in der Folge richtig verstanden hat, soll der Zuschauer in ihrem Stück die beiden Ebenen Sprache & Bewegung nicht rational erfahren, sondern in ihrer Qualität und gegenseitigen Beeinflussung auf sich wirken lassen – „wie Musik, ohne verstehen zu müssen“.

Während Wachter eher nur Geräusche einsetzt, schickt Claudia Senoner in ihrem „LovexLove“ acht Tänzer zu elektronischer Live-Musik von Mark Lorenz Kysela auf die Bühne. Auch die Gärtnerplatz-Crew bietet unterschiedliche choregraphische Ansätze. Was nicht verwundert bei der Multinationalität der sechs „Mitmacher“.

Neben der in Athen geborenen Wahlmünchnerin Artemis Sacantanis – als Tänzerin, dann Probenleiterin seit 40 Jahren am Gärtnerplatz! – probiert sich der Italiener Francesco Annarumma hier zum ersten Mal aus. Die anderen vier sind schon Choreographie-erfahren. Bei zweien ist der italienische Tänzer Gianluca Martorella besetzt. Er verrät vorab: „Das Stück der Taiwanesin Hsin-I Huang ist in den Bewegungen sehr athletisch. Im Raum ist es sehr geometrisch gestaltet. Es wirkt auf mich schon ein bisschen asiatisch, irgendwie inspiriert von Videospielen. David Valencia hat eine Traumgeschichte entworfen, sehr ironisch, auch absurd. Man wird da an Tarantino-Filme erinnert. Bei David, er ist Kolumbianer, spürt man sein südamerikanisches Temperament. Er hat so eine Gabe, Leute zu bewegen, mit sehr schönen weich fließenden Bewegungen.“

Während Martorella unter dem künftigen Tanzchef Karl Alfred Schreiner weiterhin in München arbeiten wird, folgt der Holländer Erik Constantin Paar nach Münster. Genau diese Situation von Aufbruch und Neuanfang waren Ausgangspunkt für sein „Camino“ (der Weg): „Ich habe dafür zunächst das Geräusch von regelmäßigen Tänzer-Schritten auf Band aufgenommen. In diesem Rhythmus, der schon das Ablaufen von Zeit und damit auch Veränderungen suggeriert, passieren Dinge: ein Solo zum Beispiel, ein Duett, eine Liebesgeschichte.“ Er choreographiere hier nicht realistisch, erklärt Constantin. Aber hinter dem Stück stehe die Lebenssituation von Tänzern: „Ein Tänzer zieht normalerweise fünf-, sechsmal um in seiner kurzen Karriere. Entweder wechselt die Tanzdirektion, wie jetzt hier. Oder er wird gekündigt, weil das Ensemble aus Geldnot aufgelöst wird. Oder er selbst sucht die Veränderung, um mit neuen Choreographen zu arbeiten.“ Wie sieht sein eigener Weg aus? „Mit vier Jahren habe ich im Fernsehen den deutschen Tanzfilm ,Anna‘ mit Silvia Seidel gesehen und zu meiner Mutter gesagt: ,Das will ich auch.‘ Jetzt ist mein Traum, später zu unterrichten und zu choreographieren.“

Malve Gradinger

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