Abschied von Jugend und Liebe

- Ein junges Leben und ein altes. Im einen Verbitterung und Strenge, im anderen Tatendrang und Wärme. Ein Briefwechsel zwischen zwei Frauen, in dem die Jugend des Lebens, das Alter hingegen des Lamentierens darüber überdrüssig geworden ist.

<P>"Du brauchst viele Jahre, um jung zu werden." Schon der Titel deutet es an: In Barbara Bronnens Buch geht es um zwei Arten von Alter, ein gegebenes und ein gefühltes. Die 75-jährige Autorin Ada befindet sich auf einer Lesereise. Vom Dampfer und später von Venedig aus schickt Ada Briefe an ihre Enkelin Johanna in München. Auf einem Schiff altere die Haut rascher als der Geist, notiert sie, und die 27-jährige Malerin entgegnet: "Ich hab dich immer nur jung gekannt!" Das Alter als Äußerlichkeit.</P><P>Im Laufe dieser Korrespondenz wird Ada lernen, dass ein Brief kein Buch ohne Adressat ist, dass die Gedanken, die sie für sich auf dem Papier geordnet hat, im Dialog wieder durcheinander gebracht werden. Und Johanna fühlt sich überlastet. Die Pflege ihrer Urgroßmutter, die von Alzheimer gepeinigt wird, bleibt allein an ihr hängen. Die Großmutter umsegelt die Welt; die Mutter hält sich irgendwo in den Wechseljahren und in Verona auf; beide drücken sich vor der Verantwortung. Johanna muss die Launen der Senilität aushalten und noch mit dem Verlust von Freund und Arbeit zurechtkommen. Als ihr alles über den Kopf wächst, bittet sie Ada um - zumindest literarische - Hilfe.</P><P>Ada sendet tröstende Worte. Und dazu die Liebes-Geschichten berühmter (literarischer) Persönlichkeiten. Sie berichtet von der schwindenden Erotik der Gräfin von Castiglione, der Geliebten Napoleons, ebenso wie von der unvergänglichen Liebeslust der 79-jährigen Madame Thé´rè`se, Romanfigur Blaise Cendrars; sie zitiert Colette ebenso wie Goethe.</P><P>Mit "Du brauchst viele Jahre, um jung zu werden" reiht sich Barbara Bronnen ein in eine lange Liste von Texten, die den (weiblichen) Generationenkonflikt zum Thema haben. Auch Bronnen selbst erscheint in dieser Liste: Mehrmals hat sie über das Verhältnis zu ihrem Vater geschrieben, zum Beispiel in "Die Tochter" (1980).</P><P>Am Ende des Kräftemessens in Bronnens Buch kapituliert Ada vor dem Alter. Ihr letztes Schreiben aus Venedig ist nicht an Johanna gerichtet; es ist ein melancholischer Abschiedsbrief an Jugend und Liebe. Johannas Urgroßmutter hingegen träumt sich jung. Die Stärke des Buches liegt in den abstrakteren Passagen: in den Theorien über das Alter, in den unterhaltsam zu lesenden Exkursen, den Reisen in die literarische Welt von betagter Lebens- und Liebeslust. Die Schwierigkeit des Briefromans aber liegt in seiner Perspektive: zwei Standpunkte. Der Dialog muss alles leisten. Vorgeschichte, Kontext, Personencharakterisierung, bis hin zur plausiblen Motivation für eine personelle Entwicklung. Die Figuren erscheinen stellenweise zu entworfen, un(auf)richtig gar. So erscheint der innere Dialog Bronnens manchmal mühsam, vor allem, wenn sie aus jugendlicher Perspektive schreibt.</P><P>Barbara Bronnen: "Du brauchst viele Jahre, um jung zu werden". Sanssouci Verlag, München, 160 Seiten; 12,90 Euro.<BR>Die Autorin ist zu Gast auf der Münchner Bücherschau, die morgen beginnt. Barbara Bronnen stellt ihr Buch am 28. November im Gasteig vor.<BR></P>

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