Ihr Lieblingsplatz im Stadion: die Presse-Tribüne. Leidenschaftlich kommentierte Sabine Töpperwien hunderte Fußball-Spiele fürs Radio.
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Ihr Lieblingsplatz im Stadion: die Presse-Tribüne. Leidenschaftlich kommentierte Sabine Töpperwien hunderte Fußball-Spiele fürs Radio.

Abschieds-Interview: Sabine Töpperwien, Deutschlands bekannteste Fußballkommentatorin, beendet ihre Karriere

Diese Stimme kennt jeder Fußball-Fan! Abschieds-Interview: Reporter-Legende Sabine Töpperwien hört auf

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Sie war die erste Frau, die in Deutschland ein Bundesligaspiel kommentiert hat: Sabine Töpperwien. Jedes Wochenende hören rund neun Millionen Menschen die prägnante Stimme der 60-Jährigen in der ARD-Bundesligakonferenz im Radio. Damit ist nun Schluss, Sabine Töpperwien hört aus gesundheitlichen Gründen auf. Ein Abschieds-Interview über Machos, Schweiß in der Kabine und die ewige Faszination, die sich Fußball nennt.

  • Sabine Töpperwien hat chronische Schmerzen in den Armen, daher empfahl der Arzt weniger PC-Arbeit
  • Seit 2001 leitet Sabine Töpperwien die WDR-Sportredaktion Hörfunk
  • Zum Abschied schenkte der Sender Sabine Töpperwien das Versprechen, dass das WM-Finale 2022 in Katar im ARD-Radio von einer Frau kommentiert wird

700 Spiele, tausende Male der „Tooooooor“-Schrei aus Ihrem Munde. Kann man diesen Nervenkitzel jemals satthaben?

Sabine Töpperwien: (Lacht.) Nein, das kann man nicht. So eine Live-Reportage sorgt für diesen unnachahmlichen Nervenkitzel, der mein berufliches Leben bis zum Schluss elektrisiert hat.

Die Bundesliga-Konferenz im Radio ist ein Erfolgsrezept, das seit Jahrzehnten funktioniert. Trotz neuer Konkurrenz wie Live-Tickern im Internet.

Sabine Töpperwien: Stimmt. Das Erstaunliche ist, dass bei jeder ARD-Bundesligakonferenz nach wie vor acht bis neun Millionen zuhören. Das ist natürlich der Wahnsinn, da kommen die ARD-„Sportschau“, die Sendungen auf Sky und Co. nicht heran. Da kommt keiner ran. Und das in der heutigen Zeit! Das ist überwältigend.

Ansonsten hat sich der Fußballbetrieb seit Ihren Anfängen als Kommentatorin sehr verändert. Sie sagten einmal, die Menschlichkeit sei aus dem Profifußball gewichen. Hat es früher mehr Spaß gemacht?

Sabine Töpperwien: Sagen wir so: Die Professionalität und die Bedeutung des Geldes haben zugenommen, das reine Spiel macht heute genauso viel Spaß wie früher. Es ist sogar schneller geworden, engagierter, körperbetonter, also noch eine größere Herausforderung für uns Kommentatoren. Aber was ums Spiel herum ist – da muss ich sagen, wenn man so lange dabei ist wie ich: Aaaach, das hat nachgelassen. Früher bin ich ins Stadion und habe mit dem Trainer eine Dreiviertelstunde vor Spielbeginn in den Katakomben zwei Sätze wechseln können. Das ist heute ausgeschlossen. Wir hatten auch einen direkten Zugang zu den Spielern. Wenn man nach dem Abpfiff am Feld stand und die sahen einen, wussten sie, wer man war und blieben kurz für ein Gespräch stehen. Das ist alles vollkommen verschwunden.

Waren die Antworten der Spieler damals auch spannender als die heute meist sehr drögen...?

Sabine Töpperwien: Definitiv. Mittlerweile werden sie ja medial geschult, damit sie dann Antworten geben wie: „Nein, ich freu’ mich eigentlich gar nicht über mein Tor, Hauptsache, die Mannschaft hat gewonnen“ – das wird denen eingetrichtert. Früher waren das Menschen und dann hat ein Paul Breitner auch mal gesagt, wenn die Bayern wieder in Kaiserslautern verloren haben: „Dahin fahren wir gar nicht mehr, wir schicken denen die Punkte per Post!“ So etwas kommt heute nicht mehr. Das bedaure ich.

Am Spielfeldrand haben Sie so einiges erlebt. Die Sache mit Otto Rehhagel...

Sabine Töpperwien: Ja, das war heftig. Der wollte mir weiblichen Reporterin kein Interview geben und wies mich ab mit dem Spruch: „Sie haben doch noch nie den Schweiß einer Kabine gerochen!“ Als ich 1989 nach Köln gegangen bin und Christoph Daum dort Trainer war, hat er mich bei meiner Bitte um ein Interview von oben bis unten gemustert und gemeint: „Schicken Sie mal den Töppi (Sabine Töpperwiens Bruder, Sportreporter Rolf Töpperwien)! Mit dem unterhalte ich mich über Fußball.“ Da war ich bedient, das können Sie sich vorstellen, oder? (Lacht.)

Ihr wichtigster Berater: Sabine Töpperwien 1987 mit Bruder Rolf Töpperwien – ebenfalls Sportreporter.

Ihr Bruder hatte Sie gewarnt, dass Sie als Frau im Fußball keinen leichten Stand haben würden....

Sabine Töpperwien: Oh ja, ich weiß noch, wie er mir gesagt hat: „Das ist ein Haifischbecken, da wartet keiner auf dich. Das sind Machos, die wollen unter sich bleiben. Du musst damit rechnen, dass sie nicht nett sind zu dir, nicht kollegial.“

Wieso haben Sie sich trotzdem in dieses Haifischbecken gestürzt?

Sabine Töpperwien: Das kann ich Ihnen sagen: Weil das mein beruflicher Lebenstraum war. Meine Eltern sind mit Rolf und mir jede Woche zum Fußball gegangen; wir wurden gleichermaßen offen erzogen. Seit meinem zwölften Lebensjahr hab’ ich jeden Samstag im Kofferradio die Bundesliga gehört. Ich bin seit ich 13 bin FC-Bayern-Fan bis zu meinem Tode. Das ist einfach so. Und ich bin ein starker Mensch. Ich denke länger nach, aber wenn ich mich einmal zu etwas durchgerungen habe, dann kippe ich nicht um. Ich wollte meinen Traum verwirklichen – und ich habe es geschafft.

Am Mikrofon fühlt sie sich wohl: Sabine Töpperwien, hier in ihren Anfangsjahren beim NDR, wo sie nach einem Studium zur Diplomsozialwirtin in Sportwissenschaften ihre journalistische Ausbildung machte.

Wie? Was würden Sie Frauen der Branche raten?

Sabine Töpperwien: Ich finde, etwas besser ist es geworden. Aber noch immer gibt es viel zu wenige Frauen in diesem Bereich. Die Gleichberechtigung ist hier noch meilenweit weg. Umso schöner, dass die ARD jetzt entschieden hat, dass das WM-Finale 2022 in Katar für die ARD-Radiowellen von einer Frau kommentiert werden soll. Was rate ich Frauen in der Branche? Ich rate ihnen, diesen Beruf nicht aufgrund einer fixen Idee zu ergreifen, sondern nur, wenn sie voll dahinterstehen. Man muss 100 Prozent fachkundig sein, es dürfen einem keine groben Fehler unterlaufen, weil bei Frauen genauer hingehört wird als bei Männern. Also: Üben, machen, allen auf den Wecker gehen – dann wird die Kollegin ihren Weg gehen.

Stichwort Fehler: Ist Ihnen mal ein Fehler passiert, so ein richtiger Klops?

Sabine Töpperwien: Ja, Fehler sind mir natürlich passiert, das ist ja menschlich. Aber nie ein „Schalke 05“ oder so. (So hatte Sportmoderatorin Carmen Thomas 1973 Schalke 04 bezeichnet). Bei mir haben sich mal Worte verselbstständigt, da findet man im Internet wunderbare Stilblüten. Aber es hat mir nie jemand gesagt: „An der Stelle hast du das Spiel völlig falsch gelesen.“ Gott sei Dank, ich weiß nicht, ob ich das karrieremäßig überstanden hätte.

Das Fachwissen ist das Eine. Was braucht man noch, um wie Sie eine Kamera für die Hörerinnen und Hörer zu sein?

Sabien Töpperwien: Das Entscheidende ist die Erfahrung. Wenn ich im Stadion sitze, gucke ich auch mal dorthin, wo der Ball gerade nicht ist. Beobachte etwa die Trainer: Sitzen die ruhig auf der Bank oder schreien sie herum? Wenn ich das beschreibe, wissen die Hörer: Oh, um Leverkusen ist es gerade schlecht bestellt. Da sind Sie versierter, je länger Sie den Job machen, je besser Sie die Live-Situation kennen. Es regnet, es windet, Sie sitzen da draußen auf der Pressetribüne, es schüttet Ihnen – habe ich öfter erlebt, gerade in Dortmund – irgendwer hinter Ihnen ein Bier über Ihre Unterlagen. Das alles hinzukriegen, das ist natürlich genau dieser Kribbel, der es so faszinierend macht.

Interview mit Felix Magath: 2004, Magath war damals Bayern-Trainer, kein Problem. Anfangs aber wollten einige nicht mit einer Frau über Fußball sprechen.

Fernsehkommentatoren werden ständig in der Luft zerrissen, weil ja jeder sieht, was sie beschreiben. Haben Sie es insofern etwas leichter, weil beim Radio die Bildschirmkontrolle fehlt?

Sabine Töpperwien: Es war früher leichter, aber seit vielen Jahren ist es das nicht mehr, denn es gibt mehr Hörer als man denkt, die gleichzeitig ohne Ton das Fernsehen anschauen.

Echt? Warum?

Sabine Töpperwien: Weiß nicht, vermutlich, weil sie die Atmosphäre vom Radio so toll finden, aber das Spiel mit eigenen Augen sehen wollen. Die melden sich dann auch bei unserer Hotline während des Spiels: (ahmt eine verärgerte Männerstimme nach:) „Wieso hat die nicht erzählt, dass eine Flanke von dem und dem gerade von rechts kam?“ Deutschland ist halt Fußball-Volk! Das ist Druck und eine immense Last, aber auf der anderen Seite natürlich auch eine große Freude, weil wir mit sehr vielen Menschen darüber sprechen können, weil dadurch die Verschmelzung zwischen Hobby und Beruf ständig stattfindet. Ich fand’ das 35 Jahre lang fantastisch.

Und haben es hörbar genossen. War es Ihnen im Nachgang manchmal unangenehm, wenn Sie besonders laut und emotional in einer Reportage waren?

Sabine Töpperwien: Grundsätzlich liebe ich emotionale Reporter, ich möchte die Leidenschaft hören. Es gibt ja unterschiedliche Stile – die Vielfalt an Typen macht unsere ARD-Bundesligakonferenz so bunt und interessant. Aber ich persönlich mag den sehr lebendigen Stil im Medium Radio. Trotzdem gibt es Momente, in denen ich später denke: Ach, Mist, da warst du zu schrill. Das ist bei einer Frauenstimme immer etwas anstrengender für die Ohren. Wenn aber bei einem Revier-Derby wie Dortmund gegen Schalke erst Dortmund vier zu null führt und das Spiel dann vier zu vier endet, überschlägt sich natürlich alles – und ich finde, dann ist es dem Ereignis angemessen.

Mit Kritik scheinen Sie gut umzugehen – wie sehr brauchen Sie Lob?

Sabine Töpperwien: Wie jeder Mensch. Lob ist Balsam für die Seele. Totale Motivation und wunderschön. Deshalb habe ich auch versucht, es als Chefin meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern immer zu geben.

Gibt’s ein besonders schönes Lob, an das Sie sich aus Ihrer Laufbahn erinnern?

Sabine Töpperwien: Eine großartige Sache am Anfang war 1997, als Schalke UEFA-Cup-Sieger wurde gegen Inter Mailand. Da haben wir beim WDR noch auf UKW 90 Minuten am Stück ohne Musikunterbrechungen senden dürfen. Zusammen mit Manni Breuckmann, mein erstes riesiges Highlight in Sachen Fußball. Gerhard Schröder, damals niedersächsischer Ministerpräsident, hat uns im Auto gehört. Und hat am nächsten Morgen an unseren damaligen Intendanten Fritz Pleitgen geschrieben, dass der ja wirklich tolles Personal habe. Dass er selten so eine leidenschaftliche, prägnante, mitreißende Fußballreportage gehört habe. Er könne Pleitgen nur beglückwünschen zu diesen zwei Reportern. Da habe ich mich schon sehr gefreut, zumal Pleitgen dem noch hinzufügte: „Hab’ ich auch so gehört.“ Das war sensationell.

Was sagt Ihre Mutter eigentlich zu Ihrem Erfolg – die ja früher immer mit Ihnen auf dem Platz war?

Sabine Töpperwien: Sie ist megastolz. Mein Vater ist leider früh verstorben, meine Mutter erlebt das alles mit und kann es gar nicht fassen, dass nach dem Sohn jetzt auch schon die Tochter in Pension geht. (Lacht.) Sie ist 92, bei bester Gesundheit und meine engste Freundin. Sie freut sich sehr und ich freu’ mich, dass wir künftig mehr Zeit miteinander haben und das Leben zusammen genießen können. Jetzt zu meinem Abschied geht ihr dermaßen das Herz auf, weil wir nicht damit gerechnet haben, dass ich – eine Radio-, keine Fernseh-Frau! – eine solche Aufmerksamkeit und positive Resonanz bekomme. Sie sagt immer, da dankt sie dem lieben Gott, dass der ihr dieses Geschenk gemacht hat, dass sie das miterleben darf.

Und nun soll wirklich ganz mit all dem Schluss sein?

Sabine Töpperwien: Die Redaktion wollte, dass ich mich mit einem letzten Spiel von den Hörerinnen und Hörern verabschiede. Da hab ich gesagt: Leute, bitte nicht, in Corona-Zeiten ist es für mich trostlos. Keine Zuschauer, kein Applaus, keine Leidenschaft, das entspricht überhaupt nicht meinem Stil, das wäre ein so trauriger Abschied. Aber wenn ihr mich tatsächlich nicht so schnell vergesst, könnt ihr mich sehr gerne nach Corona – also hoffen wir mal in der nächsten Saison – fragen, ob ich ein letztes Mal Köln gegen Bayern kommentiere. In Köln lebe ich seit 31 Jahren und für die Bayern schlägt bekanntlich privat mein Herz. Voraussetzung ist nur: Die Kölner dürfen nicht absteigen...

Ein Grund, als Bayer ausnahmsweise den Kölnern die Daumen zu drücken...

Sabine Töpperwien: Ja, bitte! Das wäre eine tolle Sache.

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