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Nach Suhrkamp-Vergleich

Der Abschluss-Baal

München - Nach dem Vergleich mit Suhrkamp läuft Frank Castorfs Inszenierung zum letzten Mal am Münchner Residenztheater.

Keine Klagen, kein Gejammer, kein Rachefeldzug. Dafür viel, viel Sex und ähnlich viel Rauch, so viel, dass die Kleidung der Zuschauer am Ende nach Räucherkammer riecht. Frank Castorfs „Baal“-Inszenierung verabschiedet sich so ekstatisch von München, wie sie gestartet ist. Schon das ist als Statement zu verstehen: Hinhören, Suhrkamp – Theater heute, das muss ballern.

Man kann das richtig finden oder nicht. Wirklich gut ist aber die Art und Weise, wie die Schauspieler bei der letzten „Baal“-Vorstellung, die das Residenztheater in München zeigen darf, mit dem gerichtlich beschlossenen Aus der Inszenierung umgehen. Keine Erklärung, keine Freiheit-dem-Theater-Rede. Dafür lassen sie ein paar heftig stichelnde Sätze fallen, einfach so, als gehörten sie zum Stück.

„Geschichten, die man sofort versteht, sind einfach nur schlecht erzählt“, schreit eine der Darstellerinnen. Achtung, Suhrkamp, willst Du schlecht erzählte Geschichten? Als diese Worte von der schummrigen Bühne hallen, sind die vier Stunden fast vorbei. Die Zuschauer, die es bis dahin geschafft haben (auf den Rängen klaffen schon große Lücken), johlen; weil dieser Satz so verdammt anmaßend ist – und weil er zugleich alles über Castorfs Theater erzählt.

Seine Inszenierung bleibt nämlich ein höllisches Durcheinander: Brechts „Baal“-Geschichte ist völlig zerfetzt und bloßer Vorwand für den Regisseur, die Geschichte vom bösen weißen Mann zu erzählen, der, wie vom Wahnsinn gepeitscht, die Welt unterjocht. Das ist sicher eine Lesart, wenn auch eine ziemlich eindimensionale. Aber das zählt an diesem Abend nicht. Stattdessen geht es darum, sich noch einmal vor Münchner Publikum in diesen „verbotenen Seiten“ mit Zitaten (Fremdtexten) von Baudelaire bis Rimbaud zu suhlen. Isabelle (Bibiana Beglau) hat in einer Szene gleich einen ganzen Karton mit diesen Seiten dabei und wirft sie Baal (Aurel Manthei) vor die Füße.

Kurz: Es ist ein Abend der Selbstreferenzen. Immer wieder spielen die Darsteller auf die Dauer der Inszenierung an: „Wie lange noch?“ – „Jetzt ist’s schon elf.“ Vor Gericht hatte Suhrkamp argumentiert, die Spieldauer von immerhin viereinhalb Stunden zeige, wie sehr dieser „Baal“ mit Fremdtexten aufgepumpt wurde. Dass sie auf der Bühne damit spielen, ist stark, ohne aufdringlich zu sein, Kampf ohne Krampf. Einmal legt sich Watzmann (Götz Argus) auf den Boden und raucht eine Zigarette. „Eine Reminiszenz an das Brecht’sche Rauchtheater.“ Noch so ein Satz.

Ob sie damit in Berlin weitermachen werden? Hier darf die „Baal“-Inszenierung noch ein letztes Mal in ihrer jetzigen Form gezeigt werden (wir berichteten). Am 2. April veröffentlichen die Berliner Festspiele den Spielplan des Theatertreffens, das vom 1. bis 17. Mai stattfindet. Spätestens dann steht fest, wann „Baal“ dort zu sehen sein wird. Der Vorverkauf für alle Vorstellungen dieser 52. Ausgabe der Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters startet am 11. April.

Ob es auf der Bühne des Residenztheaters eine Zukunft für Castorfs Inszenierung in geänderter Form geben wird, ist offen. Eine Theatersprecherin konnte unserer Zeitung dazu gestern keine Auskunft geben. Intendant Martin Kušej hatte am Tag nach dem Vergleich zwischen seinem Haus und dem Suhrkamp Verlag mitgeteilt: „Man kann uns aber natürlich nicht das Theaterspielen verbieten, sondern nur die Verwendung bestimmter Texte in bestimmten Zusammenhängen. Wir werden daher selbstverständlich nach einem kreativen Umgang mit der entstandenen Situation suchen.“ Auch Castorf gibt die Aufführung „nicht verloren“. Im „Spiegel“ erklärte er: „Wenn man mir den Brecht verbietet, dann nehme ich den Brecht eben raus. Und stattdessen Rimbaud rein. Brecht ist ja nicht mein Leben.“

Marcus Mäckler und Michael Schleicher

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