Absetzung von "Idomeneo": Die Nerven verloren

- Mehrere Drohanrufe gingen ein. Und die fielen so drastisch aus, dass die Organisatoren reagieren mussten: Vor dem Theatereingang wurden Ordner postiert, die Taschen filzten und Besucher auf Waffen abklopften. 1988 war das, in einem Münchner Kino, als Martin Scorseses Film "Die letzte Versuchung Christi" manche Gläubige wegen einer Liebesszene des Erlösers mit Maria Magdalena heftig erzürnte.

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Der aktuelle Berliner Vorgang, die Absetzung von Mozarts "Idomeneo" an der Deutschen Oper, mag den damaligen Vorgängen wesensverwandt sein. Es wird, bedingt durch religiöse Anfeindungen, immer enger für die Kunst. Wieder dreht es sich um Glaubensdinge, wieder werden Aggressionen befürchtet.

Denn Hans Neuenfels lässt in seiner Inszenierung, die schon 2003 Premiere hatte, den Titelhelden mit den abgeschlagenen Köpfen der Religionsstifter Jesus, Buddha und Mohammed auftreten. Eine derzeit unzumutbare Szene, wie Intendantin Kirsten Harms fand. Sie strich daher aus Angst vor islamistischen Reaktionen die Wiederaufnahme-Serie. Sofort erinnert man sich an weitere Fälle,die die Freiheit der Kunst gefährdeten: an die Verfolgung des Schriftstellers Salman Rushdie wegen seiner "Satanischen Verse", an den Hass auf westliche Medien wegen der Mohammed-Karikaturen, aber auch an die Einschüchterungen, als Herbert Achternbuschs Film "Das Gespenst" herauskam -und an die Dankmessen, als verängstigte Kino-Betreiber ihn absetzten.

Keine konkrete Gefährdung des Opernhauses

Was die Berliner Entscheidung voreilig erscheinen lässt und daher heftige Reaktionen provozierte: Harms lagen gar keine konkreten Bedrohungen vor. Sie stützt sich auf einen Wink des Berliner Innensenators Ehrhart Körting (SPD) über einen "anonymen Hinweis". Daraus habe sich ein Sicherheitsrisiko von unkalkulierbarem Ausgang ergeben. Das Landeskriminalamt scheint Harms’ Vorgehen zu stützen. Schon im Juli sei vor islamistischen Anfeindungen gewarnt worden. Der Kulturverwaltung sei daher eine "Gefährdungsanalyse" übermittelt worden. "Wir haben mitgeteilt, dass es bei der Aufführung zu Störungen kommen könnte", so ein Polizeisprecher. Um aber gleich nachzuschieben: Eine konkrete Gefährdung des Opernhauses sei nicht festzustellen.

Harms verteidigte ihr Vorgehen: "Würde ich diese Warnung ignorieren und weiter spielen lassen und wäre dann etwas passiert, würde jeder sagen, sie hat sich über die Warnung hinweggesetzt." Aufgescheucht durch den Streit um die Mohammed- Karikaturen verfällt die Deutsche Oper in Panik -und das, obwohl die Provokationen der Neuenfels-Inszenierung sattsam bekannt sind. Verständlich, dass Harms mit ihrer Einschätzung ziemlich allein dasteht: "Vorauseilender Gehorsam" (SPD-Bundestagsfraktion), "Selbstzensur" (Kulturstaatsminister Bernd Neumann, CDU) gellte es ihr entgegen -aber auch: "Es ist schade, dass durch die Absetzung vor einer offenen Diskussion zurückgeschreckt wurde", wie Kenan Kolat, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde meinte. Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats, gab sich gemäßigt kritisch: "Eine Oper oder eine Karikatur -das macht keinen großen Unterschied. Jede Religion muss selbst wissen, wie sie mit ihren Heiligen umgeht."

Dass nun eine Intendantin die Nerven verliert, zur Ultima Ratio der Absetzung greift, das ohne konkrete Hinweise, ein solcher Fall ist allerdings einmalig in der deutschen Kulturszene. Und dies an einem Haus, dass mit sinkenden Auslastungszahlen kämpft, vielleicht sogar von der Abwicklung bedroht ist: Ob hier jemand eine Oper auf der Kippe wieder in die Diskussion bringen wollte? Mit ihrer Entscheidung hat Kirsten Harms jedenfalls ihren eigenen Stuhl ins Wanken gebracht. Erste Rücktrittsforderungen werden laut. Einer der wenigen, der zu ihr hält, ist Kultursenator Thomas Flierl (PDS). Doch der dürfte der künftigen Berliner Regierung ja ohnehin nicht mehr angehören.

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