Absolution vor der Beichte

- Keiner kann mit runterklappenden Augendeckeln so wohlwollend-distanziert norddeutsch "eine geruhsame Nacht" wünschen wie Ulrich Wickert - unser "Mr. Tagesthemen". Für die Franzosen ist Ulrich Wickert - durch seine Pariser Korrespondentenzeit in den 80er-Jahren hundertprozentig francophil - so etwas wie ein kostenloser PR-Mann. Denn Wickerts Liebhabertätigkeit, das Bücherschreiben, kreist um "La douce France". Nach "Frankreich, die wunderbare Illusion" (1989), "Und Gott schuf Paris" ('93) sowie "Vom Glück, Franzose zu sein" ('99) wartet er jetzt auf mit dem Politkrimi "Der Richter aus Paris".

<P>Sprachlich macht er "nicht viel Federlesens"</P><P>Und da kriegt, zu einiger Überraschung, die verehrte Marianne mal richtig eins auf die Jacobinermütze. Der Richter nämlich, Jacques Ricou (Familienname "Lachhals", weil er am Ende aus vollem Halse lachen kann?), seit 1995 mit der Untersuchung des Mordes an einem Ex-General und schillernden, Strippen ziehenden Politiker beauftragt, wird diesen Fall acht Jahre später dank eines anonymen Denunzianten und einer sich daraus ergebenden Reise nach Martinique lösen.<BR><BR>Dabei deckt Ricou aber nicht nur solche Hässlichkeiten auf wie die über Scheinfirmen, Geldwäsche & Rückfluss an die städtischen/ staatlichen Auftraggeber praktizierte illegale Parteienfinanzierung. Er findet im paradiesischen Übersee-Dé´partement auch erotisches Glück in den sanften Armen der schönen Kreolin Amadé´e, Witwe des soeben verstorbenen Gilles Maurel, den Ricou zunächst als Mörder verdächtigte.<BR><BR>Sprachlich macht der Autor, um eine typische Wickert-Vokabel aufzugreifen, "nicht viel Federlesens". Mit Klischees (In welchem Krimi klatscht nicht eine Fliege gegen die Fensterscheibe?), einem nachdenklichen Blick über eine Palmenallee oder Nippen an einem Glas werden Dialoge und recherchierte Fakten in etwa, wenn auch gelegentlich etwas steifbeinig, erzählerisch eingebettet, wird eine Ahnung von Pariser und Antillen-Atmosphäre hergestellt. Aber da, wo es um den Krimi geht, zeigt Wickert sich als sehr geschickter Konstrukteur.<BR><BR>Von Paris und Martinique im Jahr 2003 führt der zwischen einem halben Dutzend Personen kreuzweise gesponnene Handlungsfaden (hier, zwecks Spannungserhaltung, nicht aufgedröselt) zurück zu Frankreichs Indochinakrieg in den 50er- und zum Algerienkrieg in den 60er-Jahren.<BR><BR>Und wenn der Autor schon ohne viel Umschweife die Verquickung von französischem Geheimdienst und dem Ölunternehmen Elf-Aquitaine ("Eine fast wahre Geschichte", operiert der Untertitel . . .) und fließenden Wahlkampf-Millionen anprangert, dann ist er ebenso direkt in der Schilderung der Kriegsgräuel in Vietnam und Algerien. </P><P>Und verweist letztlich, in der von ihm schon gewohnten lakonischen Art, auf eine bestimmte Zeiten überdauernde Amoralität. So lässt er seinen Untersuchungsrichter Ricou resümieren: "Die Folter in Algerien fiel unter die Amnestie, die General de Gaulle im Juli 1968 erließ, allerdings erst, nachdem ihm General Massu während der Maiunruhen geholfen hatte, politisch zu überleben. Sie ist eben katholisch, die französische Republik, irgendwann wird immer die Absolution erteilt, zur Not auch schon vor der Beichte."</P><P>Ulrich Wickert: "Der Richter aus Paris - Eine fast wahre Geschichte". <BR>Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. <BR>254 Seiten, 19,90 Euro.<BR></P><P></P>  <P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> "Der Richter aus Paris - Eine fast wahre Geschichte". </P>

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