Polizist schießt auf Mann, der mit Axt auf ihn losgeht

Polizist schießt auf Mann, der mit Axt auf ihn losgeht

Abstieg zum Meer

- So eine richtig positive Werbung für die Deutsche Bahn ist der Anfang von Daniel Kehlmanns neuem Roman "Ich und Kaminski" nicht. Auch wenn das Erzähler-Ich Sebastian Zöllner quer durch Deutschland mit x-mal Umsteigen sogar hinauf zur Alpen-Alm Kaminskis fährt, erweist sich die Tour mehr als grotesker Umstand mit eingestreuten Albtraum-Fratzen denn als elegante, bequeme Bildungsreise. Der Aufstieg soll zum Einstieg in die Karriere-Steilwand werden. Aber Sebastians Reise- und dito Lebensgewohnheiten legen ihn auf Abstieg fest. Als alles endet, hat er alles verloren, er ist unten (auch geografisch) - immerhin am Meer. Und aus dem entspringt bekanntlich neues Leben.

<P>Dass Daniel Kehlmann, gebürtiger Münchner, Literatur und Philosophie studiert, viel gelesen und das bisweilen zu routiniert verwurstet hat, ist diesem kleinen Roman anzumerken. Dennoch ist er amüsant, angenehm zu lesen und lässt hin und wieder einen feinen Beobachter mit Sinn für skurrile Komik erkennen. Jenen Witz des Scheiterns, die Lebens-Lockerheit des taumelnden Clowns, die Heiterkeit eines fürchterlichen Flops muss sich der junge Schriftsteller noch erarbeiten - auch den Mut dazu.</P><P>Sebastian, den Kunstjournalisten, und Kaminski, den großen alten Maler, schildert Kehlmann als parasitäre Existenzen. Ein raffinierter Ansatz, der einige hübsche Satire-Schlenker auf die Kunstszene (wer könnte der oder die sein?) erlaubt, den der Autor aber nicht scharf genug ausreizt. Er verzettelt sich: Sein Sebastian, der partout mit einer Kaminski-Biografie - beste Chancen, da der Alte bald stirbt - reüssieren möchte, stößt bei seinen Recherchen auf eine schmerzliche Ex-Liebe zwischen Maler und Muse.</P><P>Was spannend als manipulative Beziehung angedeutet wird, versandet in einer Verlegenheitslösung. Ähnlich wie bei Kaminskis Kunst der Täuschung. Sie wird ambitioniert durch seine augen-verwirrenden "Spiegelbilder" angerissen, aber dann banal entzaubert: Der blinde Könner ist, der Leser hat's längst geargwöhnt, nicht blind. - "Ich würde also nicht berühmt werden." Wie Sebastian geht's Daniel Kehlmann - immerhin hat der ja noch viele Chancen.<BR><BR>Daniel Kehlmann: "Ich und Kaminski". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 174 Seiten, 18,90 Euro.<BR>Der Autor liest am kommenden Montag, 20.30 Uhr, in der Münchner Buchhandlung Colibris und am 15. Mai im Literaturhaus, 21 Uhr.</P>

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