Die abstoßende Wahrheit

Bestseller aus Spanien: - Der spanische Bürgerkrieg, der von 1936 bis 1939 zwischen der gewählten Regierung, der linken Volksfront und den Aufständischen, Teile des Militärs unter General Francisco Franco, geführt wurde, ist ein Lehrstück in verfehlter Politik. Francos Truppen wurden von Hitler und Mussolini unterstützt. Länder wie Frankreich, Großbritannien und die USA wussten nicht, welcher Partei sie trauen sollten.

Und die Sowjetunion unter Stalin stand der linken Volksfront zur Seite. Francos Truppen siegten. Doch der Generalissimo war nicht bereit, mit den Faschisten in den Zweiten Weltkrieg zu ziehen. Das bescherte Spanien relativen Frieden, wirtschaftlichen Aufschwung - und eine Diktatur von über 35 Jahren.

Auf Seiten der linken Volksfront waren auch die von den Sowjets initiierten "Internationale Brigaden" aktiv. Aus aller Herren Länder kamen Menschen, um den drohenden Faschismus zu bekämpfen. Allerdings waren sie blind gegenüber dem stalinistischen Machtapparat, der nun auch in Spanien vor der Ermordung kritischer Geister nicht Halt machte. Zu den glühenden Befürworten eines linksorientierten Spanien mit Blickrichtung Moskau gehörten zwei junge US-Schriftsteller: Ernest Hemingway und John Dos Passos.

Dos Passos bereiste bereits 1916 Spanien und lernte dabei den Philosophie- und Hispanistik-Studenten José Robles Pazos kennen. Die beiden wurden Freunde. Robles übersetzte Dos Passos bekanntestes Buch "Manhattan Transfer" ins Spanische und gründete eine Familie. Einer ruhigen Universitätskarriere mit bürgerlichem Hintergrund schien nun nichts mehr im Wege zu stehen. Allerdings verbrachten Robles und seine Familie die Ferien immer in Madrid. So auch 1936, als der spanische Bürgerkrieg begann. Robles Pazos ließ sich vom Universtitätsdienst freistellen, um für die Regierung und die linke Volksfront zu kämpfen. Da er über Russischkenntnisse verfügte, wurde er Dolmetscher, vor allem im Dienst von Wladimir Gorew, dem jüngsten General der Roten Armee.

Doch Gorews Stern sank bereits. Die Brutalität, mit der Stalin seine Generäle degradierte, austauschte und ermorden ließ, kann es ohne Zweifel mit der Hitlers aufnehmen. Eines Abends klopften an Robles‘ Haustür einige Männer in Zivil und zwangen ihn ohne Angaben von Gründen mitzukommen. José Robles Pazos sollte nicht mehr zurückkehren.

Ignacio Martínez de Pisón hat über all das ein Buch geschrieben, das in Spanien ein Bestseller wurde. Das hat sicher damit zu tun, dass die Aufarbeitung der Franco-Ära dort nur zögerlich voranschreitet. Um Pisón folgen zu können, muss der deutsche Leser schon ein wenig Kenntnis der spanischen Geschichte mitbringen. Pisón will die ganze Wahrheit um das Verschwinden des Übersetzers José Robles Pazos erkunden. Die Wahrheit über Pazos‘ Tod ist einfach, brutal, abstoßend: Der Übersetzer geriet in die Mühlen stalinistischer Machtkämpfe. Pazos‘ Ermordung durch ein paar russische Handlanger war gegen den General Gorew gerichtet, dem man misstraute und dem man Schaden zufügen wollte.

Ignacio Martínez de Pisón recherchiert in "Der Tod des Übersetzers" nicht nur akribisch, sondern er schreibt auch mit ganzer Leidenschaft. Diese Leidenschaft übernimmt er förmlich von John Dos Passos, der den Verlust seines spanischen Freundes nicht einfach hinnehmen wollte. Auch er stellte Nachforschungen an, kam dabei zwar nicht so weit wie Pisón, konnte aber schließlich doch davon überzeugt sein, dass sein spanischer Freund dem russischen Ideologie- und Machtkampf zum Opfer gefallen war. Dos Passos positive Einstellung zu russischen Politik und zur Weltrevolution änderte sich damals grundlegend. So ist Ignacio Martínez de Pisóns Buch, das zwischen Sachbuch und literarischem Kommentar hin und her pendelt, ein Dokument ideologischer Fallen. Pisóns Resümee lautet: "Im Spanien von 1937 tappten sehr viele vernünftige Männer in diese Falle." Männern wie José Robles Pazos kostete der Irrtum das Leben.

Ignacio Martínez de Pisón:

"Der Tod des Übersetzers".

Aus dem Spanischen von Sybille Martin.

Hoffmann und Campe, Hamburg, 272 Seiten;

19,95 Euro.

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