Abteilung Salonschlange

- Zuerst die schlechte Nachricht: Sie hat ihren Vertrag mit den Münchner Kammerspielen gekündigt. Jetzt die gute: Sie verhandelt neu mit Intendant Frank Baumbauer, der sie gerne halten will, um ein weiteres Jahr. Voraussetzung für ihr Hierbleiben: dass sie bis spätestens Ende März eine Wohnung in München gefunden hat. Die Rede ist von Nina Kunzendorf, ohne die dieses Theater eine gehörige Spur ärmer aussähe.

<P>Die Schauspielerin scheint abonniert zu sein auf alles Leid der Antike. Jung, groß, schön, intelligent und irgendwie ganz besonders - wie geschaffen für die starken Weiber des Euripides' oder Aischylos'. Mit der "Alkestis" hat sie den Münchner Kammerspielen unter Baumbauers Leitung einen ersten richtigen Erfolg erspielt. Und als Klytaimestra in der Mammut-"Orestie", einer Aufführung, die gerade wieder in der Jutierhalle zu sehen ist, fasziniert sie fast sechs Stunden lang durch ihre Intensität und Ausstrahlung.</P><P>Zwischen Klassik und Fernsehkrimi</P><P>Verständlich, dass sich Film- und TV-Produzenten um die junge Schauspielerin bemühen. "Wenn ich Zeit habe, drehe ich auch." Doch größere Sachen sind nur in den Sommerferien möglich, zum Beispiel der Krimi "Treibjagd", der im März ins Fernsehen kommt, oder Jo Baiers "Verlorenes Land". Und wenn sie sich entscheiden müsste zwischen Film und Theater? "Damit hätte ich heftigste Schwierigkeiten. Mein Herz hängt schon sehr am Theater. Das Tolle an der Bühne ist doch: Es kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Das macht den Abend so spannend."</P><P>Aber Tatsache ist, dass die Gagen am Theater besonders für junge Schauspieler viel zu gering sind. Ein großes Problem für die Bühnen, die sich, so auch die Kammerspiele, etwas einfallen lassen müssen, wollen sie nicht ihre Begabtesten ans Konkurrenzmedium verlieren. "Filmen macht viel Spaß", sagt Kunzendorf, "und nicht nur, weil man dabei gut verdient. Zunächst war es für mich eine sehr ungewöhnliche, sehr aufregende Arbeit; ich habe das Publikum vermisst.Man weiß nicht so wirklich, an wen geht das jetzt, was ich da mache. Es ist wie Probe, Generalprobe und Premiere in einem."</P><P>Begegnet man Nina Kunzendorf privat, ist man überrascht von ihrer Anmut, ihrer Mädchenhaftigkeit. Ist sie mit 31 Jahren nicht eigentlich viel zu jung für die Klytaimestra? Sie lacht: "Ich habe mich damit abgefunden, im Mutterfach gelandet zu sein. Wobei das eigentlich schon immer so war, auch auf der Schauspielschule in Hamburg. Da spielte ich zum Beispiel Gertrud, Hamlets versoffene Mutter, aber nie so etwas wie Evchen, Käthchen, Gretchen oder Desdemona. Das Kindliche, Mädchenhafte haben die Regisseure nie in mir gesehen, sondern mich immer mehr der Abteilung ,repräsentativ zugeordnet. Männermordend, furienhaft, wie auch die Margareta di Napoli, die ich in ,Schlachten spielte, was mir sehr gefällt, was mir sicherlich liegt. Aber ich würde so gern auch einmal komisch sein, am liebsten als Gombrowiczs ,Burgunderprinzessin."</P><P>Was nicht etwa gegen ihre wüst-tragische Dame aus der "Orestie" spricht, obwohl Nina Kunzendorf gesteht, bei den Proben mit Regisseur Andreas Kriegenburg zumindest doch etwas irritiert gewesen zu sein. "Ich war über weite Phasen nicht so glücklich mit der Arbeit. Da habe ich mir dann gedacht: Na gut, jetzt übst du das, in fünf Jahren spielst du vielleicht die Rolle in einer anderen Inszenierung noch einmal." Heute aber mag sie diese Aufführung sehr: "Ja, der Abend ist sehr strittig, es gefällt mir auch nicht alles, aber insgesamt stimmt er."</P><P>Nina Kunzendorf ist Schauspielerin im siebten Berufsjahr. Ihr erstes Engagement hatte die Mannheimerin in ihrer Heimatstadt, es folgten zwei Jahre Hamburg, eine Zwischenzeit in Berlin, wohin es sie auch von München aus immer wieder zieht: "Alle meine Herzensmenschen und mein Hund leben dort." Und momentan fühlt sie sich hin- und hergerissen bei der Weichenstellung ihres Lebens. "Es gibt so viele, ich formuliere das mal ein bisschen pathetisch, Sozialkrüppel am Theater; Leute, die sich immer und immer wieder für ihren Beruf entscheiden; Frauen, die mit 50 plötzlich sagen: Oh, ich wollte doch eigentlich Kind und Familie haben. Dass es mir selbst so ergehen könnte, gibt mir zu denken. Ich will auch bestimmen können, wie einmal mein Leben und nicht nur, wie mein Beruf aussehen soll."</P><P>Große, schwierige Entscheidungen, gewiss. Innere Schlachten, die die Schauspielerin jedenfalls für die Figuren, die sie auf der Bühne lebendig werden lässt, immer wieder neu schlägt. Bedauert sie, dass sie bei der Eröffnungsinszenierung der renovierten Kammerspiele im März nicht für "Othello" mit in den Premieren-Kampf ziehen darf? Kunzendorf leicht ironisch: "Ich wüsste nicht als was, da ich ja bekanntlich keine Desdemona bin." Traurig darüber? "Nein. Ich bin am Theater sehr glücklich. Früher allerdings habe ich manchmal gedacht, ich ertrage diesen Beruf nicht. Ich hatte so viel Angst. Doch seit ich in München bin, macht er mir richtig Spaß."</P><P>Sie hat gelernt, mit dieser Angst umzugehen, eine Art künstlerische Distanz oder Widerstand herzustellen zwischen sich und ihren Rollen. Denn gerade darin liegt der große Reiz ihrer Kunst. Ihre nächste Rolle? Wieder eine so genannte Salonschlange, die Marwood in Lessings "Miss Sara Sampson". Falls Wohnungssuche und Gagenfindung gelingen, dürfte dies nicht Nina Kunzendorfs letzte Premiere in München sein.</P><P> </P>

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