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AC/DC haben eine neue CD. "Rock or Bust" heißt sie.

Hart. Schnell. Tröstlich.

AC/DC: So ist das erste Album ohne Malcolm Young

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München/Sydney - Mit „Rock or Bust“ legen AC/DC ihr erstes Studioalbum ohne den erkrankten Bandgründer Malcolm Young vor. Die Platte klingt so, als sei nichts geschehen, findet unser Kritiker

Es gab eine Zeit, noch nicht lange ist das her, da wurde Musik auf Vinyl gepresst. Ein Verfahren, das eine bestimmte Laufzeit pro Schallplatten-Seite bedingte. Meist um die 35 Minuten Spielzeit hatte damals ein Album, A- und B-Seite. Viele erinnern sich gerne, die Musikwelt schien verlässlich, handgemacht, greifbar. Songs setzten sich damals nicht im digitalen Nirgendwo aus Bits und Bytes zusammen.

Es ist wichtig, sich genau daran zu erinnern, um das neue Album „Rock or Bust“ von AC/DC zu verstehen, das in diesen Tagen erscheint. Es ist die erste Studioproduktion der australischen Hardrock-Band seit der oft gescholtenen Platte „Black Ice“ aus dem Jahr 2008. Und es ist das erste Album, das ohne Rhythmusgitarrist, Bandmitbegründer und AC/DC-Mastermind Malcolm Young aufgenommen wurde.

Wie im April berichtet, kann der 61-jährige gebürtige Schotte nicht mehr Musik machen; seine Familie hat inzwischen bestätigt, dass Young an Demenz erkrankt ist. Statt seiner hat sich Stevie Young jetzt die Rhythmusgitarre umgehängt, der 57-jährige Neffe der Brüder Malcolm und Angus. Er ist auch auf „Rock or Bust“ zu hören.

Kraftvoll und schnörkellos

Dieses neue Album wirkt, als wolle sich die Band ihrer selbst vergewissern. Elf Songs in 34 Minuten, 55 Sekunden – das ist verdammt sportlich und das ist vor allem eine Verneigung vor der Vinyl-Zeit, als die Reproduktion von Musik noch sinnlich war. Die Platte klingt also, als sei nichts geschehen. Kraftvoll und schnörkellos wie der Eröffnungstitel, der dem Ganzen den Namen gab: Die Gitarre schneidet ihn an, Schlagzeug, Bass greifen zu, der Refrain zum Mitgrölen, kurz und ansatzlos auf die Zwölf. „Rock or Bust“. Mach mit oder zerplatze.

War was?

Ja! Denn erst Malcolm Youngs stets so irritierend gelassene Arbeit an der Rhythmusgitarre brachte die Maschine AC/DC zum Stampfen und Dampfen. Er war der Glöckner der Höllenglocken; Bruder Angus das Teufelchen, das auf jenen ritt, sich durch ihr Hin- und Herschwingen an die Bühnenrampe und in die Herzen der Fans katapultieren ließ: die Identifikationsfigur der Band. Schrill, schräg, Schuluniform. Doch Malcolm war AC/DCs Sprengmeister, er ließ die Songs detonieren. Ohne ihn ist die Band eine andere – doch dieses Album hat genug Kraft, um darüber hinwegzutäuschen. Für 34 Minuten, 55 Sekunden.

„Rock The Blues Away“ heißt ganz programmatisch das dritte Lied, und wie könnte das besser gehen, als beim lässigen Cruisen durch die Nacht, mit einem Mädchen auf dem Beifahrersitz. Brian Johnson beschwört diese Bilder des Rock’n’Roll, der Freiheit und Lebenslust herauf, während die ganze Nummer von Cliff Williams’ satten Bassläufen getragen wird.

Das Album bietet tatsächlich alles, was AC/DC in ihrer 41-jährigen Geschichte ausgezeichnet hat: heftige Gitarrenbretter, Mitsing-Hymnen, die klagende Blues-Harp (wie in „Hard Times“), Hypnotisches (wie im besten Song der Scheibe, „Dogs Of War“) und mit „Baptism By Fire“ obendrein einen echten Rock’n’Roll-Quickie. Hart. Schnell. Fertig.

Doch „Rock or Bust“ ist nicht nur Selbstversicherung. AC/DC wollen ihren Fans unmissverständlich klar machen, dass die Band auch nach diesem für sie so schweren Jahr bleiben wird, was sie war. Natürlich kann das nicht sein – Malcolm Youngs Bedeutung als Musiker und Strippenzieher ist nicht groß genug einzuschätzen. Doch was zählt, ist der Versuch zu trösten.

AC/DC: „Rock or Bust“ (Sony).

Michael Schleicher

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